Miss Marx (2020)

Miss Marx (2020)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Die Tussy ist keine Tussi

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Marx politisch: Tussy an vorderster Front, wenn es um die Rechte der Schwächeren geht.
Marx politisch: Tussy an vorderster Front, wenn es um die Rechte der Schwächeren geht. © Studio / Produzent

Eleanor Marx (Romola Garai) ist die jüngste Tochter des Philosophen Karl Marx. Nach seinem Tod räumt sie mit vollem Elan das Büro ihres Vaters, das vor politischen Schriften nur so überquillt. Schon als Kind hat sich Eleanor, die von allen «Tussy» genannt wird, für Philosophie und Politik interessiert.

Tussy ist ein brillanter Freigeist und eine leidenschaftliche Übersetzerin. Sie heiratet den Schauspieler Edward Aveling (Patrick Kennedy) und bereist mit ihm Amerika. Schon früh auf der Seite des Feminismus und der Schwächeren kämpft sie gegen Kinderarbeit und für das Frauenstimmrecht. Dass Aveling sich eine jüngere sucht, verkraftet ihr Kämpferherz aber nicht.

Der Kostümfilm mit Punk Songs verhilft einer eher unbekannten historischen Figur ins Rampenlicht. Eleanor Marx wollte als Persönlichkeit eigenständig sein und blieb doch im Korsett der damaligen Zeit stecken. Sie war privilegiert (weil reich) und mit vielen hehren Absichten unterwegs. Deshalb ist sie auch eine ideale Projektionsfläche für Feministinnen von heute. Als Figur ist Miss Marx eine Bereicherung, als Film guter Durchschnitt.

Der Film von Susanna Nicchiarelli passt bestens ins Line-Up des Wettbewerbs der 77. Filmfestspiele von Venedig. So viele Regisseurinnen wie nie zuvor fanden Platz in der Auswahl. Nicchiarelli ist eine von zwei Italienerinnen unter den vier Beiträgen mit Heimvorteil. Thema ihres Films ist eine sozialistische Feministin aus der Urzeit der Frauenrechtsbewegung, die man jetzt vielleicht nicht unbedingt auf dem Radar hat: Eine Tochter von Karl Marx.

Könnte eine trockene Angelegenheit werden! Doch Nicchiarelli sträubt sich mit allen Mitteln gegen verstaubte Kostümfilm-Klischees. Zum Beispiel mit Punkmusik der kommunistischen US-Band Downtown Boys, welche sogar ihre Version der «Internationalen» einspielten. Oder mit ausführlichen Kiffer-Orgien. Oder mit farbenfrohen Umhängen über den schick kostümierten Menschen, von denen sonst nur Schwarz-Weiss-Fotografien existieren.

Romola Garai passt als kultivierte und leidenschaftlich Kämpferin, wie Miss Marx eine war, bestens. Schon länger im Business - man könnte die Britin zum Beispiel vom Dirty-Dancing-Sequel oder einem Film von François Ozon kennen - war ihr der grosse Durchbruch im Mainstream bisher versagt. Wohl auch, weil Garai aneckt, und sich kritisch zur Haltung der Filmindustrie gegenüber Frauen äusserte - eine Parallele zu ihrer Rolle als Eleanor Marx, die sich 150 Jahre davor auch an den Widersprüchen der modernen Frau und dem schwierigen Weg der Emanzipation abarbeitet.

Eine Figur mit Widersprüchen also, diese Frau Marx. Die zwischen Gefühl und Verstand, Kontrolle und Emotion aber auch männlich und weiblich geprägten Rollen schwankt. Eine moderne Frau aus dem vorletzten Jahrhundert, von der man dank Nicchiarellis Spielilm mehr erfahren kann.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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