Miraggio (2020)

Miraggio (2020)

  1. 86 Minuten

Filmkritik: Humanitarian disaster

16. Zurich Film Festival 2020
Europa: Fluch statt Segen!
Europa: Fluch statt Segen! © Zurich Film Festival

Issa, Bubu, Drissa, Sekou, Yassine und Alassane sind alle von Afrika nach Europa geflohen. Wegen politischen Unruhen, Krieg oder Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben sie ihre Familien und ihre Heimat zurückgelassen, um in Europa ein neues Leben zu starten, Arbeit zu finden und mit dem verdienten Geld ihre Familien unterstützen zu können. Doch meistens kommt es anders als erwartet: Sie müssen merken, dass sie in Europa nicht mit offenen Armen empfangen werden und sich ihre Situation hier kaum merklich verbessert.

Gefangen in Asylzentren, zur Ausschaffung verdammt, ohne festes Dach über dem Kopf lebend und kaum unterstützt, wird für die jungen Männer das Leben in Italien zur absoluten Tortur. Wie sollen sie in dieser schwierigen Situation noch Hoffnung schöpfen? Wo sollen sie hin, wo sie doch teilweise seit Jahren durch den ganzen afrikanischen Kontinent und halb Europa reisen, um endlich ihr Glück zu finden?

In Miraggio - zu Deutsch Fata Morgana - geht es um Menschen, welche als Flüchtlinge nach Italien kommen, um ein neues Leben zu beginnen. Ungeschönt werden die Härte ihres Lebens und die Schicksale gezeigt. Durch intensive Bilder schafft es die Regisseurin Nina Stefanka, einigen dieser Menschen eine Stimme zu geben, ihre Geschichte, ihr Leid, ihre Träume und Hoffnungen erzählen zu können. Dabei wird der Film nicht wertend, sondern punktet - ganz im Stile von Human Flow - durch Authentizität.

Man stelle sich vor, in einem Land zu leben, in welchem man nicht mehr leben kann, weil Krieg herrscht. Man ist gezwungen, das gesamte Hab und Gut zu verkaufen, die Familie zurückzulassen und eine gefährliche Überfahrt in einem überfüllten Gummiboot nach Europa zu wagen. Dort wartet bereits das Militär, das einen in ein Flüchtlingscamp steckt, wo unwürdigste Bedingungen vorherrschen - noch schlimmer, als sie es im Heimatland bereits waren.

Miraggio befasst sich mit genau diesem Umstand: In der Dokumentation von Nina Stefanka werden werden sechs junge Männer porträtiert, welche dies erleben mussten. Aus verschiedenen afrikanischen Ländern kamen sie nach Italien, im Gepäck nichts ausser der Hoffnung auf ein besseres Leben. Gelandet sind sie rund um Rom oder Kalabrien, in selbst verwalteten Flüchtlingscamps, auf der Strasse oder im Asylheim. Stefanka ist dabei immer sehr nahe an den Männern dran, sie erschafft äusserst persönliche Porträts von Menschen, welche alles aufgegeben haben, nur um dann von Europa abgewiesen zu werden.

So ist die Kamera bei gewichtigen Entscheidungen auf dem Amt für Migration und Asylwesen dabei. Beispielsweise, wenn Drissa und die anderen Männer ihren zukunftsweisenden Entscheid erhalten, ob ihr Asylantrag angenommen wurde; aber auch in einsamen Momenten, wenn sie per Videotelefonie mit ihren Kindern sprechen, welche sie seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Die Kamera wirkt dabei als stetige neutrale Begleiterin, die festhält, was sie sieht: den harschen Umgangston auf dem Migrationsamt oder die Schlafsäcke, die in den Strassen für eine neuerliche Übernachtung im Freien ausgelegt werden.

Nina Stefanka zeigt dabei, welch humanitäre Katastrophe im reichen Europa besteht, wie Träume von Menschen platzen und der Kontinent in Sachen Menschenrechte viel weiter ist - wenn überhaupt - als der Rest der Welt. Miraggio porträtiert Menschen, welche zwischen den Kontinenten, zwischen Existenz und forcierter Resignation schweben gelassen werden. Kommentiert wird dies nicht, es sprechen alleine die traurigen Bilder und Erzählungen der Männer. Symptomatisch dafür ist ein Youtube-Ausschnitt, in welchem gezeigt wird, wie ein Bagger das selbst errichtete Flüchtlingscamp dem Erdboden gleichmacht.

Miraggio zeichnet dabei ein deprimierendes Bild, und darin liegt auch der Nachteil der Dokumentation: Hoffnung schafft sie nur wenig. Obwohl der Film nicht explizit anklagend daherkommt, würde man sich dennoch wünschen, dass den Männern zumindest einmal etwas Gutes widerfährt. Und die wenigen Situationen, welche solche Momente erfassen, werden schnell relativiert durch die nächsten Rückschläge. Der Film liegt so sehr schwer auf und macht nachdenklich.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Letterboxd

Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:29