Il mio corpo (2020)

Il mio corpo (2020)

  1. ,
  2. 81 Minuten

Filmkritik: Sizilianische Sinnsuche

56. Solothurner Filmtage 2021
Mariä Himmelfahrt?
Mariä Himmelfahrt? © Sister Distribution

Ein Nichtsnutz sei er, wirft Oscars Vater seinem Sohnemann an den Kopf. Sobald sich die Gelegenheit ergebe, wolle er ihn gegen einen Schwarzen eintauschen. Oscar nimmt das stillschweigend entgegen, die Beleidigungen seines unaufhörlich schimpfenden Vaters ist er sich schon lange gewohnt. Anstatt darauf einzugehen, träumt er lieber von einem anderen Leben - vielleicht weit weg von Sizilien -, in dem er nicht für seinen Vater tagtäglich Altmetall suchen gehen muss.

«Isolation is not good for me»
«Isolation is not good for me» © Sister Distribution

Auch Stanley will ausbrechen. Der Nigerianer mit zahlreichen Narben am Bauch ist erfolgreich übers Mittelmeer geflohen und hat eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Wenn er nicht gerade als Handlanger die Kirche putzt oder bei der Traubenlese hilft, mischt er sich unter seinesgleichen, trifft sich mit seinem Kollegen oder denkt über sein Leben nach. Viel mehr Optionen bieten sich ihm nicht. Gerne würde er irgendwohin, wo er bessere Perspektiven hat. Doch wo ist bloss dieser Ort?

An diesen 80 Minuten inszenierter Verlorenheit dranzubleiben, ist eine Herausforderung. Denn diese greift, da eine dezidierte Führung der Zuschauer komplett fehlt, allmählich auf dieselben über. Ein Effekt, der nicht nur eine Schattenseite hat, sondern auch durchaus reizvoll sein kann - zumindest kurzfristig.

Die Gefangenheit im und am eigenen Körper macht dieser künstlerische Dokumentarfilm anhand zweier verlorener Söhne unterschiedlicher Art fest. Sie beide einen die Perspektivlosigkeit und der psychische Druck, dem sie in unterschiedlicher Form standhalten müssen. So isolieren sich die beiden Protagonisten infolge der Isolation immer stärker, gehen immer tiefer in die Selbstreflexion, sagen immer seltener etwas.

Es wird wenig gesagt, ja zu wenig, sodass die dann und wann eingesprenkelten Dialoge zwar mitunter stark sind, einen aber schlussendlich doch eher fehl am Platz dünken und solche Momente konstruiert und den Film seltsam unfertig erscheinen lassen. Wahrlich, Regisseur Michele Pennetta (Pescatori di corpi) lässt das Bild wirken. Dieses deutet bisweilen viel an, führt seinen Gegenstand aber praktisch nie aus, und da bis auf ein paar wenige Ausnahmen weder Worte noch Handlungen der Protagonisten einen Anhaltspunkt geben, verliert man zunehmend die Bindung zum Film, fühlt man sich zunehmend alleine gelassen.

Das macht es anstrengend, weiterhin aufmerksam den präsentierten Impressionen zu folgen, ist aber handkehrum der Preis, den diese Geschichte dafür bezahlt, um den Zuschauern am eigenen Leib die absurde Verlorenheit der Protagonisten näherzubringen. Dank diesem durchaus mutigen und lobenswerten Entscheid, der handwerklich geschickt umgesetzt wurde, gelingt zwar ein diesbezüglich interessantes Stück Film, dass es aber alleine damit jemanden wachrüttelt, ist anzuzweifeln. Denn dafür ist schlussendlich das Geschehen zu ereignisarm, der Blick zu kontemplativ und sind die Protagonisten zu isoliert.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram
  5. Website

Trailer Italienisch, mit deutschen Untertitel, 01:48