Mayor (2020)

Mayor (2020)

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  2. 89 Minuten

Filmkritik: Ein Tausendsassa in Ramallah

16. Zurich Film Festival 2020
Blick über die Schulter
Blick über die Schulter © Zurich Film Festival

Bürgermeister von Ramallah zu sein ist ein Knochenjob. Musa Hadid erledigt ihn jedoch stets bedacht und mit viel Engagement. Dass die Infrastruktur der Stadt für ihre Menschen funktioniert, ist für ihn das wichtigste. Durch die Besatzung ist schon das mit riesigen Herausforderungen verbunden. Musa Hadid bleibt jedoch besonnen. Der Hansdampf in allen Gassen wird nie müde und wenn er am Abend zuhause einige Stunden mit der Familie verbringen kann, ist er glücklich über diesen Moment der Musse.

Als die Amerikaner ihre Botschaft nach Jerusalem versetzen, kochen die Emotionen hoch. Im Gegensatz zu Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas bleibt er aber auch jezt ruhig und besonnen. Als Prinz William Ramallah besuchen möchte, sind längst nicht alle im Rathaus glücklich darüber. Mussa Hadid sieht aber das Potential des hohen Besuchs und tritt dem Anliegen mit Wohlwollen und dem immer präsenten Engagement entgegen.

Der Bürgermeister von Ramallah erlebt in seinem Alltag sehr viel. Pausenlos rennt er umher, um die Infrastruktur der Stadt aufrecht zu erhalten. Dass er dabei auch langweilige Momente erlebt, liegt auf der Hand. Der Film zeigt jedoch auch das und besonders dann, wenn sich gewisse Situationen wiederholen, wird er langatmig.

Regisseur David Osit schaut Musa Hadid im wahrsten Sinne des Wortes über die Schultern. Es ist ein mutiger Entscheid des Regisseurs, denn die politische Situation im Nahen Osten ist eine doch sehr komplexe, um im Film ohne Erzähler zu bleiben. Das Erlebnis von Musa Hadid steht im Vordergrund und es ist ein sehr atmosphärischer Film entstanden, der angenehm zu schauen ist. Er macht es sich damit aber zu einfach, denn er hätte mehr Erzählstruktur vertragen.

Für den Zuschauer gibt es so viele neue Dinge zu sehen, dass es von Musa Hadid ablenkt. Es überrascht zu sehen, dass in Ramallah eine Weihnachtsfeier stattfindet. An der Besatzung kann es nicht liegen, denn die Juden feiern dann nicht Weihnachten, sondern Chanukka, das Lichterfest. Muslime feiern ebenfalls keine Weihnachten und so dämmert es dem Zuschauer im Laufe des Films, dass Musa Hadid offensichtlich Christ ist und dass in Palästina eine grössere christliche Minderheit lebt. Für den Bürgermeister ist das selbstverständlich, aber der Zuschauer braucht einen Moment, um das zu verstehen.

Hadid ist auch zu seinen eigenen Leuten resolut. Am Anfang muss er einigen Menschen im Quartier erklären, dass sie sich nicht bereichern dürfen, indem sie öffentliches Eigentum für sich selbst beanspruchen. Er legt dabei eine ruhige und selbstverständliche Gelassenheit an den Tag, die erstaunt, zumal Volksvertreter aus Palästina selten für ihre Ruhe bekannt sind.

Der ganz untypische Ansatz von Musa Hadid hätte im Film mehr Raum verdient. Er spielt seine Rolle immer herunter, aber er macht als Integrationsfigur sehr viel für den Frieden im Westjordanland. Wenn ein euphorisierter Mitarbeiter Hadids diesen bei einem Auftritt filmt und das mit pathetischen Worten in den sozialen Medien platziert, ist ihm das extrem peinlich, denn er möchte nicht als «Bester Bürgermeister aller Zeiten» bezeichnet werden. Mussa Hadid ist sich bewusst, dass er mehr bewirken kann, wenn er hinter den Kulissen unermüdlich für seine Stadt arbeitet. Wie der Bürgermeister mit dem Entscheid der Amerikaner umgeht, ihre Botschaft in Israel nach Jerusalem zu versetzen, zeigt sein riesengrosses Potential als Friedensstifter in der Region. Unter dem Strich wirkt der Film unvollendet und so bleibt der Zuschauer verblüfft, wenn wie aus heiterem Himmel der Abspann beginnt.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

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