Maya (2020/I)

Maya (2020/I)

  1. 86 Minuten

Filmkritik: Tiger-Balsam für die Seele

16. Zurich Film Festival 2020
«Wart' nur, bis ich dir Pi vorstelle!»
«Wart' nur, bis ich dir Pi vorstelle!» © Zurich Film Festival

Tierpfleger Mohsen ist der Shootingstar des Mashhad-Zoos im Norden des Iran. Unerschrocken steigt er zu den Grosskatzen in den Käfig; insbesondere als Tigerflüsterer hat er sich einen Namen gemacht. Die bengalische Tigerdame Maya hat er so im Griff, dass sogar fremde Zoobesucher mit dem Beutegreifer herumtollen können, ohne dass ihnen etwas zustiesse. Mohsen ruft einfach ihren Namen oder greift nach ihrem Hals - und sie gehorcht ihm.

Dass dieses ungleiche Duo auch ausserhalb der Zoomauern zur Attraktion wurde, ist wenig erstaunlich. Nicht nur vor die Linse einer renommierten Fotografin wurde es gezerrt, sondern auch bei einem Spielfilm, in dem es um die längst ausgerotteten Kaspischen Tiger geht, soll es mitwirken. Dazu wird Maya ans Kaspische Meer verfrachtet, wo Mohsens Stubentiger zum ersten Mal so etwas wie Freiheit spürt. Er, der die ganze Zeit über bei ihr ist, merkt bald, dass dieses Erlebnis langsam aber sicher den wilden Tiger in ihr weckt - und er die Kontrolle über sie zu verlieren droht.

Zwar gehen nach der faszinierenden und interessanten ersten Hälfte Stimmung und Fokus zunehmend verloren, doch Mayas Schicksal lässt ebenso wenig kalt wie dasjenige ihres hingebungsvollen und aufrichtig scheinenden Pflegers. Der vor allem emotional und visuell packende Film ist gleichsam Tiger-Balsam für die Seele: Er wärmt, aber brennt auch.

Besonders in der ersten Hälfte des über einen Zeitraum von vier Jahren entstandenen Filmes ist Staunen angesagt. Stimmungsvoll, mystisch und mit teilweise surreal anmutenden Bildern wird hier das Verhältnis zwischen Moshen und Maya inszeniert und durch erheiternde Situationskomik aufgelockert, beispielsweise wenn die Tigerdame ihren Lieblingsmenschen an ihrem Schwanz durchs Kaspische Meer zieht. Und wenn Mohsen nach einer Tigerdusche meint: «Es tut wirklich weh, wenn sie dir das Gesicht ableckt», scheint seine Präsenz beinahe den miserabel ausgestattenen kleinen Käfig, den Maya (und alle anderen Tiere im Mashhad-Zoo) ihr Eigen nennt, zu kompensieren.

Doch gerade wenn Co-Regisseur Jamshid Mojaddadi einen Turning-point in der Geschichte anteast («Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte»), stellt man auch Mohsens Arbeit in Frage. Denn was er mit Mayas Schaukämpfen vorführt, ist zwar ein friedliches Miteinander von Mensch und Beutegreifer, doch der mit ausgestopften Löwen prahlende Zoo-Direktor und das mit Handys draufhaltende Publikum sehen vor allem der Sieg des Menschen über die (dann auch in ihren Augen) wunderbaren Tiere. Mohsen bietet allerdings wenig Angriffsfläche, zumal er immer und bedingungslos für Maya einsteht. So bleibt die Enthüllung des Skandals vorerst aus und man heftet sich ganz nahe an die Tatzen Mayas, als sie die vermeintliche Freiheit erkundet.

Mit der metaphysischen Frage nach der eigenen Freiheit umklammert Mojaddadi auch die Dokumentation. Eine spannende Frage, zumal er hier mit einem handzahmen, nur vermeintlich wilden Tier konfrontiert wird. Doch tatsächlich kann es darum nur am Rande gehen, denn mit einem Mal wollen hier so viele Themen verhandelt werden, dass der Fokus allmählich verloren geht. Zwischen Mohsen, Maya und dem Zoo wird hin- und hergezappt, zwischendurch drückt da und dort nebst einer politischen Kontextualisierung der Geschehnisse im Zoo, die dann doch noch von einem Skandal heimgesucht werden, auch die Metaphorik der gefangenen Frau oder des gefangenen Volkes durch. Unter dieser Vielfalt leiden die so homogen aufgebaute Stimmung und knisternde Spannung dieses Mensch-Tier-Verhältnisses.

Apropos: Man wird den Eindruck nicht los, dass den Menschen in diesen Landen mal eine ordentliche Tiger-Debatte - analog zu unserer Wolf-Debatte - gut täte, um mit Sinn und Unsinn über den Tiger aufzuräumen. Welche Position der Film diesbezüglich einnehmen würde, lässt sich wiederum nicht schlüssig klären. Dass er kritisiert, ist klar, aber vielleicht ist es der strengen Zensur des Iran geschuldet, dass je länger je unklarer wird, was er genau kritisiert. Eindeutig ist Maya aber kein Werbefilm für den Mashhad-Zoo, auch wenn es Teile des Publikums nach der Weltpremiere am Zurich Film Festival 2020 so empfanden. «Nun werden viele Besucher in den Zoo kommen!», rief einer. Das hofft man irgendwie nicht.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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