Mank (2020)

Mank (2020)

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  2. 131 Minuten

Filmkritik: The Man Who Kicked the Hornet's Nest

Wer austeilen kann,...
Wer austeilen kann,... © Netflix

USA, Anfang der Vierzigerjahre: Der von vielen Seiten als Wunderkind titulierte Orson Welles (Tom Burke) bekommt vom Hollywoodstudio RKO für sein nächstes Projekt einen Freifahrtschein. Welles engagiert daraufhin den alkoholsüchtigen Drehbuchautor Herman «Mank» Mankiewicz (Gary Oldman), damit dieser ihm ein Skript schreibt. Um ihn von zu viel Hochprozentigem fernzuhalten, wird Mank in die Mojave-Wüste zur North Verde Ranch gekarrt, wo der Autor ungestört arbeiten soll. Zur Unterstützung wird ihm die englische Sekretärin Rita Alexander (Lily Collins) zur Seite gestellt.

...muss auch einstecken können.
...muss auch einstecken können. © Netflix

Als Mank beim Schreibprozess seine liebe Mühe hat, denkt er an seine letzten Jahre zurück, die durch den Filmmogul Louis B. Mayer (Arliss Howard), den Medientycoon William Randolph Hearst (Charles Dance) und dessen Frau Marion Davies (Amanda Seyfried) geprägt waren. So fliesst in Manks Drehbuch zu «American», aus dem später Citizen Kane werden wird, immer mehr aus dem Erlebten mit ein.

Mank ist ein Film, den man eher bewundert als liebt. Die Darsteller (allen voran Gary Oldman und Amanda Seyfried) und die Machart sind fantastisch. Und doch schafft es der Film nicht, ein Feuer zu entfachen. So bleibt man während der ganzen Laufzeit leider nicht immer gespannt bei der Geschichte über die Entstehung des Drehbuches zu Citizen Kane.

David Fincher erzählt die Entstehungsgeschichte von Citizen Kane. Mank wurde schnell von vielen Filmfans vorab als Leckerbissen für Cineasten deklariert. Auf nachgespielte Szenen, welche die Arbeit am Set des Filmklassikers zeigen, warten die Zuschauer vergebens. Denn Mank dreht sich ganz um Drehbuchautor Herman «Mank» Mankiewicz. Und ein solcher Mann verrichtet ja (normalerweise) seine Arbeit, bevor die Kameras angeworfen werden. Fincher fokussiert bei der Umsetzung des Drehbuches, das von seinem 2003 verstorbenen Vaters Jack geschrieben wurde, auf die verlogene und amoralische Seite der Traumindustrie.

Es hilft dabei, sich etwas über die wichtigsten Player und die Verhältnisse in Hollywood in den Dreissigern auszukennen. Fincher pfeift auf grosse Erklärungen, sondern schmeisst mit Gusto mit Namen wie William Randolph Hearst, Irving G. Thalberg und Upton Sinclair um sich. Für Filmkenner ist dies ein Spass. Das breite Publikum, welches die Netflix-Produktion auf dem heimischen TV oder - oh Gott! - auf dem Smartphone anschauen wird, wird da hingegen oft nur Bahnhof verstehen. Ein Spickzettel mit einer Auflistung aller relevanten Figuren und ihren Rollen in dem Ganzen wäre sicherlich hilfreich.

Doch Fincher will das Publikum auch gar nicht an der Hand nehmen, denn dies ist kein 08/15-Biopic. Wie die Titelfigur einmal so schön sagt, kann man nicht das Leben eines Mannes in einem zweistündigen Film einfangen. Man kann nur hoffen, dass es gelingt, einen Eindruck von ihm zu hinterlassen - etwas, das Fincher auch durchaus gelingt. Der Film lässt glauben, dass das oscargekrönte Skript zu Citizen Kane die grosse Abrechnung eines von Hollywood enttäuschten Mannes ist, von dem zehn Jahre seines Lebens auf unterschiedlichen Zeitebenen - ähnlich wie bei «Kane» - präsentiert werden.

Gary Oldman als versoffener und desillusionierter Autor ist dabei schlicht grossartig. Besonders in einer Dinnerpartyszene, die der Regisseur über 100-mal drehen liess, gibt Oldman mächtig Vollgas und macht die an sich schon starke Sequenz zu den besten Momenten des Kinojahres. Amanda Seyfried steht dem Oscarpreisträger in nichts nach mit ihrer Leistung als Marion Davies, wobei ihre Figur deutlich komplexer daherkommt, als die Trailer vermuten liessen.

Aber nicht nur vom Schauspielerischen ist Mank eine Wucht, sondern auch von der technischen Seite. Der Film fühlt sich mit den Schwarzweissbildern, dem dumpfen Ton und den immer wieder auftauchenden Überblendzeichen (Tyler Durden nennt sie bekanntlich «Cigarette Burns») wie ein Film aus einer längst vergangenen Zeit.

Weshalb stehen da am Ende aber nur vier Sterne? Mank ist auf vielen Ebenen wirklich eindrücklich, doch wirklich mitreissend ist das nur sparodisch. Die Figuren bleiben gegenüber den Zuschauern zu sehr auf Distanz, die Plot scheint etwas ziellos, und zudem wirkt das Drama mit all den Inside-Witzen etwas zu selbstverliebt. Die grösste Freude bei Mank hat man zweifelsohne mit dem bereits erwähnten Spickzettel und frischen Erinnerungen an Citizen Kane.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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