The Man Who Sold His Skin (2020)

The Man Who Sold His Skin (2020)

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  2. 104 Minuten

Filmkritik: Auch ein schöner Rücken kann entzücken

17. Zurich Film Festival 2021
«Sprich zu meinem Rücken.»
«Sprich zu meinem Rücken.» © trigon-film

Syrien 2011: Aufgrund eines unüberlegten Aufrufs zur Revolution in einem Zug kommt Sam Ali (Yahya Mahayni) ins Gefängnis. Dank eines Cousins, der als Polizist arbeitet, gelingt ihm die Flucht. Er weiss, er muss aus dem Land raus. Zuvor möchte er nochmals seine Geliebte Abeer (Dea Liane) sehen. Doch diese hat sehr wenig Zeit, da gerade ihr zukünftiger Mann Ziad (Saad Lostan) zu Besuch ist, der syrische Botschafter in Belgien.

«Da sehet her und staunet.»
«Da sehet her und staunet.» © trigon-film

Sam Ali flüchtet in den Libanon, wo er in Beirut anlässlich einer Kunst-Vernissage von Jeffrey Godefroi (Koen De Bouw) angesprochen wird. Jeffrey fragt Sam aus und weiss, dass sein grösster Wunsch ist, nach Belgien zu flüchten, wo Abeer inzwischen lebt. Doch ihm fehlen die Papiere. Jeffrey verspricht Sam, ihm die notwendigen Papiere zu verschaffen, als Gegenleistung möchte er nur etwas von Ali: seinen Rücken.

Die eindrückliche Geschichte zeigt, wozu ein Mensch bereit sein kann, um seinen geliebten Partner wiederzusehen. Hauptdarsteller Yahya Mahayni bietet dabei eine schauspielerisch aussergewöhnliche Leistung. Er zeigt eindrücklich, dass ein Mensch auch ausserhalb des Gefängnisses gefangen sein kann: zwischen seiner Heimat und der westlichen Welt. Gefangen aber auch zwischen der Kunst, der Dekadenz und seinem sehr einsamen Dasein. Ein wirklich toller Film.

In The Man Who Sold His Skin zeigt neben Hauptdarsteller Yahya Mahayni auch sein weibliches Pendant Dea Liane eine tolle Leistung. Die beiden funktionieren zusammen schauspielerisch ausgezeichnet, auch in den vielen Szenen, wo sie in der Geschichte zusammen so gar nicht funktionieren. Für Mahayni ist es erst sein zweiter Spielfilm, für Dea Liane war es sogar ihr Spielfilmdebüt.

Ein wenig mehr Erfahrung bringt da Regisseurin Kaouther Ben Hania mit, allerdings vor allem aus Kurz- und Dokumentarfilmen. Ihr gelingt eine Inszenierung, die vor Farben nur so strotzt, immer begleitet mit passender, guter Musik. Perfekt gecastet ist auch Nebendarsteller Koen De Bouw, der den genialen und auch höchst zynischen Künstler gibt. Nicht unerwähnt darf auch seine Assistentin Soraya bleiben, die von Monica Bellucci ebenfalls toll verkörpert wird.

Der Film insgesamt ist voller Sarkasmus und gegen Ende hin wird es immer absurder. The Man Who Sold His Skin kratzt dann und wann auch an der Grenze hin zur Komödie, überschreitet diese Grenze aber nie. Der Film regt auch zum Nachdenken an mit Fragen wie: Wie weit geht ein Mensch, um sein Leben lebenswert zu machen? Wie weit geht er für die Liebe? Die Antwort des Films ist klar: Bis an die Grenze und vielleicht auch darüber hinaus. Denn Protagonist Sam Ali schafft es zwar, sein Leben um ein Vielfaches aufzubessern, doch er ist längst davon abgekommen, ein Mensch zu sein - er ist nur noch ein Kunstobjekt.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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