Mainstream (2020)

  1. 94 Minuten

Filmkritik: Influencen ohne Grenzen

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Ich wünscht, ich wär im Internet.
Ich wünscht, ich wär im Internet. © Studio / Produzent

Frankie (Maya Hawke) weiss nicht recht, wohin sie ihr Leben führen soll. Die Anfang Zwanzigjährige, welche mit dem Verlust ihres kürzlich verstorbenen Vaters hadert, möchte etwas Bedeutungsvollem nachgehen und sich kreativ entfalten. Ihr Job als Barkeeperin in einem Comedy Club nahe dem Hollywood Boulevard langweilt sie. Während der Arbeit blödelt sie deshalb gerne mit ihrem Arbeitskollegen Jake (Nat Wolff) rum und fragt sich, was die Leute in der heutigen Zeit wertschätzen.

Schau, ich war bei der Dentalhygiene.
Schau, ich war bei der Dentalhygiene. © Studio / Produzent

Als Frankie den mysteriösen Link (Andrew Garfield) kennenlernt, verändert dies ihr Leben schlagartig. Dessen spontane, unbekümmerte Lebensweise und ausgefallene Art inspirieren Frankie. Sie beginnt, Link mit dem Handy zu filmen, während er lauthals über den Mainstream und die Konsumgesellschaft herzieht. Frankie lädt die Videos auf YouTube hoch, und innert Kürze werden diese von Tausenden Nutzern angeschaut. Sie überzeugt Link, regelmässig Videos zu drehen, und gemeinsam mit Jake als Drehbuchautor lancieren sie einen Kanal mit dem Namen No One Special. Explosionsartig wachsen sie zu Internetstars heran, bis sie von einem Manager kontakiert werden. Doch der Erfolg bringt auch seine Schattenseiten mit sich.

Gia Coppolas zweiter Spielfilm behandelt ein brandaktuelles Thema und zeigt sowohl die Möglichkeiten als auch die Gefahren der Sozialen Medien auf. Leider enthält die Story wenig Überraschendes und ist grösstenteils voraussehbar. Dafür ist das surreal wirkende Drama visuell brillant umgesetzt und es fährt ein wie ein rasanter Trip durch die Online-Welt. Maya Hawke und Andrew Garfield meistern ihre Rollen mit Bravour. Vor allem Letzterer holt alles aus sich heraus, um seine Figur zum unausstehlichen Ekelpaket heranwachsen zu lassen. Die Obszönitäten werden dabei irgendwann etwas gar nervig.

Mit Palo Alto ist Gia Coppola ein beachtenswertes Regiedebüt gelungen, welches auf Kurzgeschichten von James Franco basiert. Die Enkelin von Francis Ford und Nichte von Sofia hat sich somit als nächste Generation der Coppola-Familie in die Welt der Filmemacher eingereiht. In ihrem neuen Spielfilm Mainstream wagt sie sich an ein anspruchsvolles Thema, welches unsere Gesellschaft intensiv beschäftigt - der Einfluss der Sozialen Medien. Sehr schön bringt sie zum Ausdruck, welche Möglichkeiten die Sozialen Medien in der heutigen Zeit bieten, und auch welche Gefahren sie bergen. Über Nacht werden YouTube-Stars geboren. Aber genauso schnell können sie wieder in Vergessenheit geraten. Und Imageschäden lassen sich im Netz ebenfalls leicht davontragen.

Das Phänomen der Schnelllebigkeit im Internet vermittelt Mainstream ebenfalls stark, vor allem auch in der rasanten Art und Weise, wie die YouTube-Welt inszeniert wird. Wie eine Flut verbreiten sich die Videos im Netz, und kaum ist eines hochgeladen, muss wieder neuer Content her, um No One Special gefragt bleiben zu lassen. Visuell ist der Film eine Wucht, teilweise überschreitet er die Grenze auch mit extravaganten Stilmitteln. So fliegen beispielsweise Emojis und leuchtende Einblender über den Bildschirm, und die Live-Sendungen, die die Protagonisten produzieren, sind im YouTube-Design verpackt. Dies drückt dem Film eine surreale Note auf und lässt ihn ein wenig wie ein Traum wirken.

Maya Hawke, übrigens die Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke, gibt eine überzeugende Performance ab als junge Frau, die sich nicht richtig zurechtfindet in dieser modernen Welt und sehnsüchtig danach strebt, eine passende Berufung zu finden. Und Andrew Garfield treibt sich selbst an die Grenzen und darüber hinaus. Der Wandel, den seine Figur Link durchmacht, ist spektakulär. Von Beginn weg ist Link verrückt, überaus spontan und exzentrisch. Aber je grösser sein Erfolg in der Onlinewelt wird, desto mehr neigt er zum Wahnsinn, zur Obszönität und zur Vulgarität. Er wird selbst zu einer der Persönlichkeiten, die er als Freigeist stets verachtet hat.

Leider wird dieser ganze Wandel etwas überstrapaziert, womit seine Figur immer unausstehlicher und widerlicher wird. Und was Mainstream ebenfalls daran hindert, ein richtig guter Film zu sein, ist der simple Aufbau der Geschichte. Einerseits fällt er in altbekannte Muster, in welchen ein Nobody in Windeseile zum Helden wird und daraufhin wieder auf die Schnauze fällt. Andererseits überrascht er in der Erzählung nur selten, und wenn überhaupt, dann mit irgendwelchem übertrieben vulgärem Unsinn.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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