The Lovebirds (2020)

The Lovebirds (2020)

Die Turteltauben

Filmkritik: Turteltauben? Turtelkrähen!

1. OutNow Film Festival 2020
Shit, we ' re the suspects!
Shit, we ' re the suspects! © Netflix

Alles könnte so einfach sein: Jibran (Kumail Nanjiani) und Leilani (Issa Rae) sind seit vier Jahren ein Paar. Anfänglich verlief alles harmonisch, mit den Jahren haben sich die beiden jedoch auseinandergelebt. Aus verliebten Blicken wurden Reibereien. Und die beiden streiten viel: Es gibt beinahe nichts mehr, worüber sie sich nicht lauthals und intensiv unterhalten: wie sie in der Game-Show «Amazing Race» abschneiden würden, wer das Problem bei der Restaurant-Wahl ist oder ob der Sex geplant oder spontan sein müsse.

Ein ganz normaler Tag im Leben von Jibran und Leilani!
Ein ganz normaler Tag im Leben von Jibran und Leilani! © Netflix

Doch dann kommt es auf dem Weg zum Dinner mit Freunden zu einem unangenehmen Zwischenfall: Bei der Autofahrt übersieht Jibran eine rote Ampel und überfährt einen Velofahrer. Der Mann überlebt und flüchtet blutüberströmt mit seinem Fahrrad, bevor die beiden einen Krankenwagen rufen können. Aber es kommt noch dicker: Ein sich als Polizist ausgebender Mann (Paul Sparks) hält die beiden an und übernimmt kurzerhand das Steuer, um den flüchtigen Biker zu verfolgen. Allerdings entpuppt sich der vermeintliche Polizist als eiskalter Killer. Ehe sie es sich versehen, sind die beiden in einen Mordfall verwickelt, bei welchem sie wie die klaren Täter aussehen.

Der nächste grosse Wurf nach The Big Sick gelingt Michael Showalter mit diesem Film leider nicht. Anstelle von Geturtel, wie es der deutsche Titel nahezuliegen scheint, gibt es hier primär «Gschtürm». Und zwar durchs Band, konsequent durchgezogen bis praktisch zum Ende. Damit passt der Film gar nicht so schlecht in das Gefüge an Massenware von Netflix, wenn auch in diesem Fall auch die Rechte daran erst nach der Fertigstellung gekauft wurden. The Lovebirds bietet seichte Unterhaltung mit Blödel-Humor, dabei bleibt leider die Story auf der Strecke.

Michael Showalter ist Komiker, Schauspieler und Regisseur in Personalunion. Als Regisseur war er verantwortlich für The Big Sick, eine romantische Komödie um ein Liebespaar, einen Kulturclash und eine unerwartete Krankheit. Nun widmet er sich erneut einer Romanze, nur diesmal einer auf Abwegen: Zu der Liebesgeschichte gesellt sich ein Kriminalfall, in welchen die beiden Hauptdarsteller unverhofft verwickelt werden.

Die Kombination der zwei Genres an und für sich wäre unproblematisch. The Lovebirds mag sich aber nicht richtig entscheiden, was es sein will. Beide Genres werden angerissen, aber nur teilweise abgehandelt. Dies ist sicherlich der knappen Laufzeit von knapp 90 Minuten geschuldet, aber auch einem seltsamen Storytelling: Der Kriminalfall wird lange aufgebauscht, ohne richtig vorwärtszukommen. So entsteht in der zweiten Filmhälfte beinahe Stress, da der Fall ja noch abgeschlossen sein will. So nimmt sich der Film für kaum etwas richtig Zeit.

Die Akteure sind leider ziemlich nervig, als Zuschauer kann man sich kaum in sie hineinversetzten oder mit ihnen mitfiebern. Zu sehr entsprechen die beiden den Stereotypen: Sie interessiert sich mehr für ihre Social-Media-Kanäle als für die Beziehung, während er beinahe alles, was sie mag, kategorisch ablehnt. Kein Wunder also, lief die Beziehung schon besser. Die Figurenzeichnung bleibt eindimensional, sie lässt kaum Raum für Charakterentwicklung. Zu glatt und unpersönlich wirken die Protagonisten, die meisten Informationen über die beiden entnehmen die Zuschauer ihren Streitgesprächen.

Und schlussendlich sind da noch verschiedene WTF-Momente, die das Filmvergnügen nur mässig steigern wie beispielsweise eine Anspielung auf Eyes Wide Shut oder seltsame Nebencharaktere mit noch seltsameren Verhaltensweisen, deren Bedeutung für die Story nicht vollends klar wird.

Auch in den Dialogen sind Schwächen auszumachen, was darin mündet, dass einige Pointen nicht ziehen, weil sie zu Tode gequatscht werden. The Lovebirds wirkt deshalb alles in allem zu seicht und belanglos und verkommt dadurch etwas gar zu Klamauk. Wenn Komiker Filme drehen, sind sie nicht zwingend auch witzig.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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