Lobster Soup (2020)

Lobster Soup (2020)

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  2. 95 Minuten

Filmkritik: Versumpfen auf der Insel

52. Visions du Réel 2021
«Probier's mal mit Gemütlichkeit.»
«Probier's mal mit Gemütlichkeit.» © Visions du Réel 2021

Die Hummersuppe hat alles verändert. Zuvor war Grindavík einfach ein kleines Fischerkaff im Süden Islands. Nun aber ist es eine Touristenattraktion, bei der Reisecars ihren Halt machen, bevor sie in die berühmten Therme der benachbarten Blauen Lagune weiterdüsen. Im «Bryggjan Cafe» der Brüder Krilli und Alli geniessen Menschen aus aller Welt in authentischer Fischeratmosphäre die Spezialität des Hauses.

Window-Shopping?
Window-Shopping? © Visions du Réel 2021

Daneben ist das Lokal aber auch nach wie vor ein wichtiger Treffpunkt für die lokale Bevölkerung. Jung und Alt kommen in der lokalen Beiz zusammen, diskutieren über Weltpolitik und die guten alten Zeiten und veranstalten regelmässig Konzertabende. Doch diese sind in Gefahr, denn eine Gruppe von Investoren ist dank hervorragender Trip-Advisor-Bewertungen aufmerksam geworden auf den Geheimtipp in Grindavík. Sie machen den beiden Brüdern frei nach Vito Corleone «an offer they can't refuse». Die Bevölkerung ahnt: Es naht das Ende einer Ära.

Nun ja, Abwechslung ist nicht gerade die grosse Stärke von Lobster Soup. Während 90 Minuten begleitet der Film eine Gruppe älterer Herren dabei, am Stammtisch zu versumpfen. Nur zeitweise wird die Gemütlichkeit von nervösen Touristen gestört. Diesen unterschwelligen Konflikt nehmen die Regisseure aber nur beiläufig auf. Die Charaktere sind ihnen wichtiger. Das ist nachvollziehbar und für die Zuschauer nicht ohne Reiz, macht den Film auf Dauer allerdings ein wenig langatmig.

Filme wie Rams oder Woman at War haben das isländische Kino in den letzten Jahren auch in unseren Breitengraden populär gemacht und eine Art eigenes Filmgenre etabliert: diesen typischen Mix zwischen Drama und lakonischer Komödie mit knorrigen, verschrobenen Charaktern. Der Dokfilm Lobster Soup zeigt nun, dass solche Charaktere offensichtlich auch in der Realität existieren. Die beiden Café-Betreiber und deren Freunde verdienen allesamt die Bezeichnung «Original».

Doch die Originale drohen zu Karikaturen ihrer selbst zu verkommen, denn Touristen auf der gierigen Suche nach Authenzität stören die Idylle. Dass mit Pepe Andreu und Rafal Moles ausgerechnet zwei «Ausländer» diesen Konflikt zwischen Tradition und Tourismus filmisch dokumentieren - die beiden stammen aus Spanien -, ist dabei die Ironie der Geschichte.

Während 90 Minuten spielt der Film ausschliesslich in und um das kleine Café in der Mitte des isländischen Nirgendwo. Bewusst verzichtet er auf lange Erklärungen. Nur die Protagonisten selbst geben zwischendurch ein bisschen Kontext aus dem Off. Der Informationswert der Doku bleibt trotzdem überschaubar. Die schleichende Kommerzialisierung, die wohl nicht nur dieses Dorf, sondern das gesamte Land erfasst hat, ist unterschwellig spürbar. In dieser Hinsicht könnte Lobster Soup auch in anderen Ländern spielen - auch in der Schweiz, die vor einigen Jahren eine ganz ähnliche Entwicklung durchgemacht hat.

Gerade die Ausweitung der Perspektive auf weitere Beispiele aus anderen Ecken der Welt hätte diesen Film zusätzlich bereichert und zu einer vielschichtigen Momentaufnahme über Sinn und Unsinn des Massentourismus machen können. Doch dies ist nur am Rande die Intention der Regisseuren. Vielmehr interessieren sie sich für ihre Protagonisten, scheinen sogar ein wenig vernarrt in sie zu sein. Das verleiht dem Film zwar ein Plus an Authenzität, macht ihn allerdings auch etwas eintönig. So eintönig eben, wie das Leben der Fischer in Grindavík wohl tatsächlich ist. Nur haben diese eben die anscheinend so leckere Hummersuppe, auf die wir Zuhausegebliebenen verzichten müssen - das Geschmacks-Kino ist ja leider noch nicht erfunden.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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