Live (2020/III)

Live (2020/III)

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  2. 84 Minuten

Filmkritik: Ménage à Tro...mpette

2. OutNow Film Festival 2021
Big Sister is watching you.
Big Sister is watching you. © 2021 UCM.ONE GmbH

Frankfurt, in einer nicht weit entfernten Zukunft: Aus Angst vor terroristischen Anschlägen darf es in der Öffentlichkeit zu keinen grossen Menschenansammlungen mehr kommen. So sind unter anderem auch physische kulturelle Veranstaltungen verboten. Wer performen will und damit ein Publikum erreichen möchte, muss seine Kunst über das Internet streamen. Als die Psychologin Claire (Karoline Reinke) eines Tages bei einem Opfer ein Ticket zu einem Konzert findet, ist ihre Neugier geweckt. Immerhin macht sie selbst auch sehr gerne Musik und würde viel dafür geben, mal wieder vor einem Live-Publikum aufzutreten.

«I've got one ticket to Paradise»
«I've got one ticket to Paradise» © 2021 UCM.ONE GmbH

Zusammen mit ihrem Bruder Aurel (Anton Spieker), einem begnadeten Trompeter, stellt Claire ein Live-Konzert auf die Beine, zu dem ein ausgewähltes Publikum eingeladen wird. Um nicht erwischt zu werden, sollen die Hacker Ada (Sonja Dengler) und Maximus (Corbinian Deller) die fast überall vorfindbaren Kameras austricksen. Nach einem gelungenen Auftritt droht jedoch Eifersucht weitere Auftritte zum Scheitern zu verdammen.

Die Welt, welche sich Regiedebütantin Lisa Charlotte Friedrich hier erdacht hat, vermag zwar wegen der unverhofften Aktualität zu faszinieren, doch die schwachen Schauspieler und seltsame Entscheidungen der Figuren erschweren es, den Film glaubhaft wirken zu lassen. So ist Live letzten Endes ein Gedankenexperiment, das nicht mitzureissen vermag.

Lisa Charlotte Friedrichs Debüt Live zeigt eine Welt, in der wir nur noch im Notfall nach draussen gehen dürfen und öffentliche kulturelle Veranstaltungen untersagt sind. Handelt es sich hierbei etwa um einen dieser unsäglichen Corona-Filme, die während des Lockdowns gedreht wurden? Die Antwort lautet nein, denn Live wurde vor der Pandemie fertiggestellt und feierte seine Weltpremiere Mitte Januar 2020 - und damit vor den Kultur-Lockdowns - seine Weltpremiere in Saarbrücken beim Filmfestival Max Ophüls Preis.

Aber handelt es sich vielleicht um eine Verschwörung? Denn immerhin hat der Chemie- und Pharmakonzern Bayer mit seinem Label «Bayer/Kultur» das Filmprojekt unterstützt. Haben die Macher etwa von Corona gewusst? Bevor wir nun jedoch endgültig in diese ziemlich dummen Gefilde abrutschen, fokussieren wir uns wieder auf das, was für uns zählt, nämlich die Qualität des Filmes.

Diese ist mit dem Wort «mässig» noch nett umschrieben. Dem Sci-Fi-Drama fehlte es offensichtlich an Geld, weshalb sich Friedrich und ihr Team auf wenige Drehorte und Darsteller beschränkten. Das muss ja nicht wirklich etwas Schlechtes sein, werden viele Filmemacher ja gerade dadurch kreativ, was bei Live bei den futuristisch wirkenden Kostümen zu sehen ist.

Das Problem liegt hier jedoch an den nicht wirklich überzeugenden Darstellern. Die hölzern vorgetragenen Dialoge reissen uns immer wieder aus dieser an Fahrenheit 451 erinnernden Welt hinaus, in die wir zu Beginn gerne eingetaucht sind. Der Plot fokussiert dann gegen Ende hin auch noch auf eine öde Ménage-à-trois/quatre-Kiste, die zu einer wenig glaubhaften Handlung führt, die wie aus dem Nichts kommt und statt eines Schocks ein «Was war das denn jetzt?!» auslöst.

Wenn wir in einer Welt leben würden, wie sie dieser Film zeigt, würden wir wohl kaum unsere Freiheit riskieren, um uns Live mit einem grossen Publikum anzusehen. Der Film wäre diese Gefahr nicht wert.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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