Limbo (2020/VI)

  1. 103 Minuten

Filmkritik: Gar nicht grantige Migranten

16. Zurich Film Festival 2020
Reif für die Insel
Reif für die Insel © Zurich Film Festival

Der Syrer Omar (Amir El-Masry) ist auf einer schottischen Insel mit anderen Flüchtlingen in einem Benimmkurs. Es gibt eine Telefonkabine in der Nähe, was die Hauptattraktion für die Migranten ist. Am Telefon mit seiner Mutter muss er ihr eingestehen, dass er ihr kein Geld senden kann, denn um arbeiten zu können, muss er erst Asyl bekommen. Die einheimischen Schotten sind voller Vorurteile, aber sobald sie mit Omar und den anderen Migranten sprechen, schaffen sie es, sich ihnen gegenüber etwas zu öffnen.

Omar freundet sich mit seinem Zimmernachbarn Farhad (Vikash Bai) an, der ein grosser Fan von Freddie Mercury ist und mit Stolz einen ähnlichen Schnauz trägt. Wie sein Idol ist er Zoroastrier. Stets hat Omar seine Oud, ein gitarrenähnliches Instrument, dabei, aber er spielt sie nie. Farhad wird sein Agent und Manager und ermutigt ihn dazu, wieder Musik zu machen. Im anderen Zimmer des Hauses wohnen zwei afrikanische Brüder. Im Bewerbungskurs übt der jüngere von den beiden, wie er sich als Putzkraft bewerben kann, der ältere Bruder träumt von einem Probetraining beim FC Chelsea.

Der junge britische Filmemacher Ben Sharrock überrascht mit seinem Spielfilm über ein sehr heikles und kontroverses Thema: Er erzählt die Geschichte eines jungen syrischen Flüchtlings mit einem komplett neuen Blickwinkel fernab vom moralisierenden Gutmenschentum. Was geschieht mit den Flüchtlingen, wenn sie die gefährliche Reise über das Mittelmeer schaffen und innerhalb der EU einem Land zugeteilt werden? Die Geschichte beginnt auf einer schottischen Insel.

Ben Sharrock gibt den zahllosen anonymen Flüchtlingen, die auf kaum seetüchtigen Schlauchbooten die Fahrt über das Mittelmeer riskieren, ein Gesicht. Woher kommen sie und was bewegt sie? Sehr schnell ist klar, dass der junge Syrer Omar nicht unbedingt nach Europa kommen musste. Er ist mit Hoffnung auf Asyl auf der schottischen Insel gelandet. Denn er möchte hier arbeiten, um der Familie, die in die Türkei geflüchtet ist, Geld zu schicken.

Ein afrikanischer Flüchtling, der davon träumt, Profi-Fussballer beim FC Chelsea zu werden, spricht vom Ablaufdatum von Flüchtlingen. Er erwähnt Afghanistan, den Irak und den Sudan. Er nennt als Jahreszahlen den Zeitpunkt, an dem die jeweiligen Konflikte nicht mehr neu und akut waren. Das ist ein schonungsloser und ungeschönter Blick auf die Migration, bei dem die Konfliktherde auf der Welt wie eine Art Börsenkurs erscheinen.

Die Flüchtlinge auf der schottischen Insel hängen in der Luft und haben nichts zu tun. Sie sind froh, dass sie es bis nach Europa geschafft haben, denn dort haben sie es besser als woher sie kamen. Doch einmal in Europa angelangt, fällt ihnen auf, dass sie keine Perspektive haben und nicht arbeiten können, wenn sie kein Asyl bekommen. Der afrikanische Flüchtling, der Profi-Fussballer werden möchte, wird von den anderen Migranten nicht ernst genommen.

Mit der Zeit bekommt Omar Heimweh und ist hin- und hergerissen. Omars Konfrontation mit seinem Selbstwertgefühl ist ein ganz grosser Moment des Films. Der Filmemacher wagt einen kurzweiligen und augenzwinkernden Blick auf ein sehr heikles Thema. Mit kritischem Auge blickt er auf die Impulse, die die Menschen bewegen, die so riskante und ungewisse Reise über das Mittelmeer anzutreten.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

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