The Lesson - Teaching the Holocaust to Germany's Gen Z (2020)

The Lesson - Teaching the Holocaust to Germany's Gen Z (2020)

Die Lektion - Deutschlands Gen Z & der Holocaust
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  2. 72 Minuten

Filmkritik: Reichlich Erbsünden

17. Zurich Film Festival 2021
Achtung, wichtig!
Achtung, wichtig! © Zurich Film Festival

Elena Horn ist bewegt. «Wusstest du, dass deine Grosseltern meine Grosseltern getötet haben?» Diese Frage sei ihr eines feuchtfröhlichen Abends in England gestellt worden. Damit war der jungen deutschen Regisseurin etwas ins Bewusstsein getreten, dessen Tragweite sie bislang nicht erkannt gehabt hatte. Denn obwohl der Zweite Weltkrieg ein Ereignis ist, dessen Auswirkungen noch immer die Gesellschaft prägen, wurde in ihrem Elternhaus kaum je darüber gesprochen.

Der Wichtigkeit dieses offenkundig heiklen Themas bewusst, geht sie zurück in ihren Heimatort unweit von Dortmund, um zu ergründen, was die heutigen Teenies - Angehörige der sogenannten Generation Z - über den Holocaust wissen und wie es ihnen wo vermittelt wird. In einer Schulklasse trifft sie auf eine wache Schülerschaft, die interessiert Fragen stellt. Dennoch scheint vielen die Relevanz ihres Wissens über das Desaster von 1939-1945 nicht bewusst und sie drohen von neonazistischem Gedankengut (oder eher «Gedankenübel») vereinnahmt zu werden - beispielsweise im Fussballstadion.

Jedes Vorhaben, das sich im Zeichen humanistischer Grundwerte dafür einsetzt, dass sich Kinder mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust auseinandersetzen, ist zweifelsohne als lobenswert einzustufen. So kann man Elena Horn für diese Dokumentation, die einen interessanten Augenschein nimmt, sicherlich danken, auch wenn diese schlussendlich doch ziemlich dünn ausfällt.

Mal abgesehen davon, dass ein solcher Film aufgrund der Wichtigkeit und Aktualität seines Themas alle und jeden ansprechen will, bleibt hier unklar, ob denn nun vor allem Kinder oder Erwachsene sich diese anschauen sollen. Elena Horn richtet sich in ihrer Ansprechhaltung an Kinder, setzt dabei aber das Vorwissen von Erwachsenen voraus, was so nicht ganz zusammenpassen will.

Wobei, Kinder und Erwachsene scheinen sich in punkto Diskussionslust kaum voneinander zu unterscheiden. Es stellt sich heraus, dass die Deutschen ihr historisches Erbe fallen gelassen haben wie eine heisse Kartoffel und bei unserem nördlichen Nachbarn wohl nur noch eines mit einem grösseren Tabu behaftet ist als Sex: der Holocaust. Und das ist kein gutes Zeichen.

Im den 2020er-Jahren obliegt es also den Schulen, dies nachzuholen. Doch die Lehrerinnen und Lehrer stossen an ihre Grenzen, denn wie vermittelt man ein solches - zum Glück noch immer - erschütterndes Thema? Soll man Kinder mit Samthandschuhen anfassen? Fragen kommen hier auf, eine Diskussion aber fehlt.

Dass es jedoch dringend nötig ist, genau darüber zu sprechen, zeigt Horn mit dem Blick auf die Strasse und ins Fussballstadion. Hier erlangt nicht der Klügere, sondern der Stärkere recht. «Sieg Heil»-Chöre im Fussballstadion scheinen auf bestem Weg salonfähig zu werden; was geschieht erst, wenn die radikalen Verführer subtiler vorgehen?

So versucht The Lesson selbst, Versäumtes nachzuholen und erklärt lückenhaft gewisse Zusammenhänge. Dabei verwendet sie aber ein wohl zu kompliziertes Vokabular (u. a. «propagandistisch», «Ideologie», «SS», «SA», «Gestapo»), sodass fraglich bleibt, wie viel die Kinder davon erreicht. Horn zeigt zudem Schwarz-Weiss-Bilder von damals. Diese bewegten am 17. Zurich Film Festival einen Teenie sinngemäss zur Frage, ob denn eine Aufnahme tatsächlich 80 Jahre alt sei - und damit sprach er unbewusst das Grundproblem von Geschichtsvermittlung an.

Die letzten Zeitzeugen werden bald gestorben sein und wenn schon zu Hitlers Zeiten Millionen auf dessen Propaganda reingefallen sind - Stichwort «Ghetto Theresienstadt» -, warum nicht auch die Kinder fast ein Jahrhundert später, in einem Zeitalter, in dem die Faktenhoheit sich als äusserst labil erweist?

Wie also, fragt die Dokumentation richtig, füllen wir den leeren Raum? Es liegt in der Verantwortung aller, hier im Namen der Menschlichkeit Grösse zu zeigen. Denn andere haben diese Frage schon längst für sich beantwortet - und diese haben keine guten Absichten.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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