Kleine Heimat (2020)

Kleine Heimat (2020)

  1. 95 Minuten

Filmkritik: Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis

16. Zurich Film Festival 2020
Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück.
Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück. © Zurich Film Festival

Zielgerichteten Schrittes marschiert die rüstige Seniorin durch «ihr» Quartier - trotz voller Einkaufstüten in den Händen. Die 91-Jährige hat sogar noch Zeit, den Kameramann vor einer tückischen Bodenstelle zu warnen, nur um dann einen flotten Spruch anzufügen: «Meine Füsse kennen den Weg halt langsam.» Kein Wunder, seit fast 60 Jahren wohnt Hanni Isler in denselben vier Wänden im Zürcher Leimbach-Quartier. Als sie hier einzog, sei die Wohnung übrigens Luxus gewesen.

Heute ist das anders. Die Zurich-Versicherung hat das Rennen um das Bauobjekt gegen eine grüne Genossenschaft für sich entschieden und plant einen Neubau. Die Konkurrenz hätte es saniert. Für Hanni Isler und die anderen Mieter heisst das, sie müssen in naher Zukunft raus. Unter ihnen befindet sich auch eine weitere Urbewohnerin des Hauses, die 89-Jährige Rosa Zehnder mit ihrem Partner Kurt Schäfli. Bei Spaghetti, Kaffee und Kuchen öffnen die Zeitzeugen ihre Fotoalben und wühlen in den Erinnerungen. Dabei wird klar, dass sie von viel mehr Abschied nehmen werden als nur einer Wohnung.

In David-gegen-Goliath-Situationen sind die Sympathien schnell verteilt. Auch hier, wie eine Handvoll Senioren einem Versicherungskonzern von Weltrang gegenübersteht, hat der geneigte Zuschauer seinen Favoriten schnell auserkoren. Doch das ist gar nicht nötig. Denn die typischen Zürcher Grossmamis denken nicht an Streitereien, akzeptieren die Gegebenheiten, wie sie sind. Viel lieber tauchen sie in die Vergangenheit ein - und dabei werden sie einem erstaunlich vertraut.

Es liegt wohl auch an den neun Dekaden Lebenserfahrung, welche die Damen Isler und Zehnder angesammelt haben, dass sie die neuen Eigentümer ihrer zum Abbruch freigegebenen Wohnsiedlung nicht anklagen. Mit beneidenswert pragmatischem Blick nehmen sie die Situation hin, wie sie ist. Alles andere nütze ja eh nichts, sagt Erstere. Doch gerade sie kann das tiefe Bedauern über den Kündigungsbrief und die Wehmut, die sie beim Gedanken an die bevorstehende Züglete befällt, nicht verhehlen. Mehrmals betont sie, wie schön es hier doch all die Jahrzehnte gewesen sei, «einfach, aber heimelig».

In dieser Heimeligkeit lullt einen der Film ein. Zwischen M-Budget-Spaghetti, von mächtigen Bäumen umrahmten angerosteten Gireizli und Kaffee und Kuchen fühlt man sich wieder wie in Grosis Stube. Im Nullkommanichts wachsen einem die betagten Herrschaften Isler, Zehnder und Schäfli - es sind vielmehr Hanni, Rösli und Kurt - ans Herz. Und bei einem Besuch darf natürlich auch der Blick ins Fotoalbum nicht fehlen.

Die Zeitzeugen eines beschaulichen Familienlebens der Sechzigerjahre und deren Wandel wühlen nochmals in der Vergangenheit. Diese Reminiszenzen fängt Regisseur Hans Haldimann wie en passant ein und gibt ihnen damit eine erfrischende Leichtigkeit. Die Bänkli beispielsweise, auf denen früher die Mütter zusammensassen und lismeten, passieren heute die Syrer, Eritreer und Somalier auf dem Weg zur Arbeit - allesamt rechtschaffene Bürger, wie Hanni betont. Und die seien doch im Grunde noch schlechter dran als sie, denn die wissen ja nicht wohin, wenn ihre Bleibe an der Kleeweidstrasse 36 nicht mehr ist.

Schon sind wir wieder in der Gegenwart, in der Jammern den rüstigen Senioren fernliegt. Mit herzerwärmender Genügsamkeit begegnen sie dem Damoklesschwert des Zügeltermins, das über allem hängt, sodass sich auch die hinter ihrer Einstellung verborgene Lebensweisheit sich elegant in das subtil vorgeführte dokumentierte Sozialdrama einflicht. Nach diesem bekömmlichen Besuch, bei dem man gar nicht merkt, wie die Zeit verfliegt, sagt man am Schluss lächelnd adieu und bekommt vom starken Song im Abspann noch einiges zum Nachdenken mit auf den Weg.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Schweizerdeutsch, 01:40