Cadaver - Kadaver (2020)

Cadaver - Kadaver (2020)

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  2. 86 Minuten

Filmkritik: Vorhang auf für die (kleine) Horrorshow

2. OutNow Film Festival 2021
It's the end of the world as we know it
It's the end of the world as we know it © Netflix

Nach einer globalen Nuklearkatastrophe kämpfen die letzten Überlebenden einer namenlosen Kleinstadt um Nahrung und Schutz vor dem unsichtbaren Tod. Mittendrin leben Leonora (Gitte Witt) mit ihrem Mann Jacob (Thomas Gullestad) und der kleinen Alice (Tuva Olivia Remman) - verbarrikadiert in einer verwahrlosten Wohnung. Die Umstände zwingen Mutter und Vater dazu, endlich eine Überlebensstrategie zu entwickeln. Gerade, als ein mysteriöser Fremder auf der Strasse lauthals Werbung für eine Varieté-Dinnerparty im örtlichen Grandhotel macht, schöpfen Leonora und Jacob wieder Hoffnung. Hunger und Elend treiben sie schliesslich dazu, Eintritte für die ganze Familie zu erwerben und abends an der Dinnerparty beizuwohnen.

Riecht es hier nach BBQ?
Riecht es hier nach BBQ? © Netflix

Der altruistisch wirkende Gastgeber Mathias (Thorbjørn Harr) präsentiert sich abends bei seiner Programmansage auch gleich als Regisseur dieser - wie er es nennt - interaktiven Theatershow. Denn neben köstlichem Essen soll der Abend auch eine gehörige Portion Unterhaltung bieten. Dazu sind alle Besuchenden gebeten, sich goldene Masken zu überziehen. Schauspieler hingegen bleiben unmaskiert. Als nach dem Dinner die Show endlich beginnt, merken Leonora und Jacob bald einmal, dass sie nicht das gleiche Verständnis von Unterhaltung haben. Und schon bald wird das pompöse Grandhotel zur Kulisse des Schreckens...

Cadaver wird wenigstens seinem Titel gerecht: Der Survival-Horrorfilm des norwegischen Jungtalents Jarand Herdal ist nicht geeignet für Zuschauer mit schwachem Magen. Damit hat's sich aber auch schon. Das klaustrophobische Setting und die visuelle Brillianz, mit der das Grandhotel schon fast Kubrick-like zum eigenen Charakter wird, stehen leider total im Gegensatz zum durchlöcherten Drehbuch. Netflix hat sich hier einen Trip auf die Bühne geholt, der bestenfalls im Durchschnitt unterhält, am Schluss jedoch nicht mehr als ein leichtes Achselzucken provoziert.

Cadaver beginnt grundsätzlich spannend und schürt sofort unsere Erwartungen. Warum eine nukleare Katastrophe stattgefunden hat oder wieso diese mysteriöse Dinnerparty ausgerechnet an dieser Location stattfindet, ist nicht primär wichtig. Denn genau wie unsere Protagonisten verfolgen wir jeden einzelnen Schritt gebannt und fragen uns Szene für Szene, was gleich passieren wird. In düsteren, präsize konzipierten Bildern nimmt uns der Film mit ins Grandhotel, in dem die Farbe Rot zum metaphorischen Stilmittel wird. Ja, hier könnte man schon fast Verbindungen zu Kubrick ziehen. Herland, der bei seinen früheren Projekten auch die cinematografische Leitung übernahm, punktet hier mit visueller Brillianz, ergänzt mit starkem Sound-Design.

Zu unserer Überraschung wechselt der Slow Burner in der Hälfte sein Tempo. Und verliert dabei leider die Sorgfalt, mit dem das Drehbuch anfangs einen spannenden Einstieg bot. Aus Einzigartigkeit wird Szene für Szene Mittelmass und der mysteriöse Stil muss zuvielen Klischees Platz machen. Unsere Hauptprotagonistin Leonora wird von der verantwortungsvollen Mutter zum eindimensionalen Charakter und agiert dabei teilweise völlig befremdend und doof. Selbst das ansprechende Schauspiel von Gitte Witt kann die Unterhaltung nicht mehr steigern. Nur das Grandhotel bleibt der Ambiance und der Story treu.

All dies macht Cadaver aber nicht zum totalen Fail. Natürlich enttäuscht es, wenn man das Potenzial hinter der Story erkennt. Schliesslich hätten einige Überarbeitungen des Drehbuchs dem Survival-Horrorfilm garantiert mehr Punkte gesichert. Damit landen wir wieder bei der (leider) allzu bekannten Diskussion, dass düstere Bilder und ein atmosphärisches Sound-Design alleine nicht mehr reichen, um den perfekten Horrorschmaus aufzutischen. Und apropos auftischen: Der Film spoilert sich mit seinem Titel eigentlich gerade selbst. Schade.

Christian Wolf [woc]

Christian arbeitet seit 2009 als Freelancer bei OutNow. Er mag ultradüstere Filmperlen und süffige Survival Horror Games. Animationsfilme sind ihm ein Gräuel. Christian vertritt als Einziger den smoothen Berner Dialekt im Team.

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