Jumbo (2020)

Jumbo (2020)

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  2. 93 Minuten

Filmkritik: Im Vergnügungspark

NIFFF 2020
Achterbahn der Gefühle
Achterbahn der Gefühle © NIFFF

Die schüchterne Jeanne (Noémie Merlant) findet nicht wirklich Anschluss zu anderen Menschen. Einzige richtige Bezugsperson ist ihre Mutter Margarette (Emmanuelle Bercot), doch das Verhältnis zwischen den beiden ist angespannt. So kann es die extrovertierte und sexuell freizügige Margarette kaum erwarten, bis ihre Tochter selbst ihre ersten amourösen Erfahrungen macht. Doch Jeanne macht sich nichts aus Männern, die Annäherungsversuche von Marc (Bastien Bouillon), dem Chef des Vergnügungsparks, auf dem sie arbeitet, sind ihr eher lästig.

Doch auf ebendiesem Vergnügungspark geraten Jeannes Gefühle in Wallung, als sie nachts die Luftschaukel «Move-it» reinigt. Das Gerät scheint zu leben und mit ihr zu kommunizieren. Jeanne spürt Gefühle, die sie in dieser Intensität nie zuvor gegenüber einem Menschen empfunden hat und fühlt sich zu der Bahn hingezogen, die sie insgeheim zu «Jumbo» umgetauft hat. Das erste Mal in ihrem Leben fühlt sie sich glücklich und geborgen. Nur: Wie genau teilt man der Mutter mit, dass man sich gerade in eine Achterbahn verliebt hat?

Einen gewissen Mut kann man der Regisseurin Zoé Wittock zugestehen. Denn für ihr Regiedebüt hätte es sicherlich zugänglichere Stoffe gegeben als ein Fantasy-Drama über eine verschlossene Frau mit einer ungewöhnlichen sexuellen Vorliebe. Leider scheitert Jumbo gerade an der Kombination zwischen Fantasy und Coming-of-Age. Anstatt sich zu ergänzen, stossen sich die beiden Elemente gegenseitig ab, die Protagonistin bleibt unnahbar, der Film leer. Sein mutmassliches Herzensanliegen, das Plädoyer für Toleranz und Offenheit, verfliegt so irgendwo im Fahrtwind der Achterbahnfahrt.

Nach ihrer herausragenden Performance in Portrait de la jeune fille en feu als Malerin, die sich zu einer anderen Frau hingezogen fühlt, verliebt sich Noémie Mérlant nun also in eine Chilbibahn. Say what? Haha, so etwas Abgedrehtes gibt es wohl nur im Film! Denkste: Bereits vor 40 Jahren «heiratete» nämlich eine Schwedin die Berliner Mauer, eine Amerikanerin wiederum ehelichte etwas später den Eiffelturm. Beide proklamierten mit ihren Aktionen ihre sogenannte «Objektsexualität», also die erotische Präferenz für unbelebte Gegenstände.

Ob es sich bei diesen skurrilen Aktionen lediglich um exzentrische Medien-Stunts gehandelt hat oder um ernstzunehmende Demonstrationen für die Toleranz gegenüber jeglichen sexuellen Präferenzen jenseits des Mainstream, diese Frage sei hier offen gelassen. Klar ist jedoch: Jumbo kann zumindest ansatzweise als Versuch gesehen werden, diese Neigung einem grösseren Publikum näherzubringen - auch wenn hier das Objekt der Begierde, die titelgebende Achterbahn (die streng genommen keine Achterbahn ist, sondern eine Art Luftschaukel), im Gegensatz zur Berliner Mauer oder dem Eifelturm tatsächlich ein Transformers-mässiges Bewusstsein zu haben scheint und sich durch das Leuchten von Lämpchen auszudrücken weiss.

Trotz dieses fantastischen Elements und einiger Body-Horror-Einlagen, die zuweilen ein wenig an Under the Skin erinnern, ist Jumbo in erster Linie ein Drama. Durchaus ernsthaft versucht Regisseurin Zoé Wittock, die Zuschauer an die Gefühlswelten von Jeanne heranzubringen. Dass das ein schwieriges Unterfangen ist, liegt angesichts des verschlossenen und unnahbaren Charakters der Protagonistin auf der Hand. Auf jeden Fall bleibt schwer nachvollziehbar, warum das Blinken der Lämpchen und das Schaukeln der Gondeln die junge Frau dermassen in Ekstase zu bringen vermögen.

Und darin liegt die Krux des Filmes: Er ist zu «weird», als dass man ihn wirklich ernst nehmen könnte und zu ernsthaft abgehandelt für einen richtig schrägen WTF-Film. Daran vermögen weder die unbestrittene darstellerische Klasse von Mérlant und ihrer Co-Hauptdarstellerin Emmanuelle Bercot noch eine ansprechende Kameraarbeit etwas zu rütteln. Jumbo bleibt ein unangenehmer Film, gerade deswegen, weil man nicht weiss, wie man ihn einordnen soll. In dieser Hinsicht teilt er sich das Schicksal mit den Heiratsaktivistinnen von Berlin und Paris.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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