Josep (2020)

Josep (2020)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: An Frankreichs Grenze, vor dem Zweiten Weltkrieg

19. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2021
Brüder im Geiste
Brüder im Geiste © Aurel

Der spanische Maler Josep Bortoli flieht 1939 vor dem aufkeimenden spanischen Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur. In der Hoffnung, in Frankreich Asyl zu erhalten, überquert er - wie viele weitere Spanierinnen und Spanier - die französische Grenze. Doch statt Hilfe oder gar Asyl zu erhalten, werden die Flüchtlinge in eigens dafür errichtete Internierungslager gesteckt. Von den Wärtern misshandelt und ohne ausreichend Nahrung werden die Gefangenen sich selbst überlassen. Krankheiten und die täglichen Erniedrigungen durch die Aufseher müssen sie schonungslos über sich ergehen lassen.

Josep, der sich die Zeit mit Skizzieren und Zeichnen vertreibt, freundet sich in der Folge mit dem Aufseher Serge an. Es entsteht eine tiefe Freundschaft, Josep erzählt seinem Freund von seiner Geliebten, die er auf der Flucht aus den Augen verlor, und Serge beschliesst, sich auf die Suche nach Maria zu machen. Doch auch Josep gibt die Hoffnung auf ein besseres Leben und ein Wiedersehen mit seiner Geliebten nicht auf.

Mit einfachen Strichen gezeichnet und aufs Minimum reduziert, erschafft die Bildkomposition in diesem Animations-Biopic ein zum Grauen der Zeit passendes Ambiente um Erniedrigung, Grausamkeit und Ausweglosigkeit, ohne dabei komplett ins Negative zu fallen. Es bleibt eine Erzählung von Erinnerungen, die mit der Zeit langsam zu verblassen scheinen.

Der Animationsfilm Josep befasst sich mit der Lebensgeschichte des spanischen Malers Josep Bartoli während der Zeit der Franco-Diktatur und des spanischen Bürgerkrieges. In unterschiedlichen Story-Strängen wird die Geschichte erzählt: Einer spielt in der Gegenwart, in der die Geschichte retrospektiv aufgearbeitet wird, der andere greift die in der Vergangenheit erlebten Geschehnisse auf. Die Leiden und Gräueltaten, welche die spanischen Flüchtlinge in französischen Konzentrationslagern erleiden mussten, die Umstände und der Machtmissbrauch der französischen Aufseher werden atmosphärisch eingefangen und umgesetzt.

Stilistisch vereint der Film eine grosse Vielfalt an Zeichnungs-Techniken. Von rudimentär und fragmentarisch, mit groben Strichen und im Stile von Bandes Dessinées, unterscheiden sich die Bilder bereits in der Koloration. Durch die Maler-im-Film-Thematik erhält Josep eine zusätzliche Meta-Ebene, nämlich dann, wenn Bartoli seine Skizzen anfertigt, die im Film ebenfalls zu sehen sind. Seine Skizzen sind in Schwarweiss (Weiss hier eher als Braun/Papier) gehalten, während die erzählte Story in dezenter Farbe koloriert und im Stil reduziert worden ist.

Die Gegenwart-Szenen unterscheiden sich im Stil deutlich von denjenigen der Vergangenheit und bleiben stilistisch gleich. Sie sind im Gegensatz zu denjenigen der Vergangenheit flüssiger gezeichnet, erinnern weniger an einzelne, bewegte und zusammengefügte Bilder wie die Geschichte aus dem Internierungslager. Die häufigen Stilwechsel und gewählte Vielfalt beeindrucken, ermüden aber auch beim Zusehen. Dramaturgisch macht die Unterteilung in Gegenwart und Vergangenheit durchaus Sinn und weiss zu gefallen.

Die fragmentarische Erzählweise in Form von Erinnerungsfetzen untermalt die Tragik der Ereignisse noch vor dem Zweiten Weltkrieg, über den weitaus mehr Geschichten und Erzählungen bekannt sind. Der Film bricht diese doch eher karg beleuchtete Zeit auf und zeigt einen dunklen Abschnitt französischer Staatsgeschichte. Die Story wühlt auf, ist unbequem und grauenvoll, dennoch schafft es Josep - sowohl der Film als auch dessen Hauptcharakter - stets, einen Funken Hoffnung zu versprühen, und sei die Situation noch so ausweglos.

Regisseur Aurel (Aurélien Froment), seines Zeichens Cartoonist bei Le Monde, nimmt sich eine schwere Thematik zur Brust und erschafft durch die kargen Zeichnungen im Cartoon-Style eine glaubhafte Authentizität. Das durch die Inhaftierten erlebte Grauen wird so auch fürs Publikum erlebbar.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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