Jagdzeit (2020)

Jagdzeit (2020)

  1. 91 Minuten

Filmkritik: Die Arbeitsstunden des Jägers

«Chef, sie sind dä bescht.»
«Chef, sie sind dä bescht.» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Der VW-Dieselskandal hat auch den Schweizer Automobilzuliefer-Konzern Walser schwer getroffen. Da der Verwaltungsrat das Gefühl hat, die jetzige Führungsetage sei nicht im Stande dazu, diese Krise zu meistern, wird der deutsche Hans-Werner Brockmann (Ulrich Tukur) als neuer CEO zu Walser geholt. Brockmann soll die Firma auf Vordermann bringen, indem er sie umstrukturiert. Von der Kündigungswelle verschont bleibt der Finanzchef Alexander Maier (Stefan Kurt). Er unterstützt fortan Brockmann, wo er nur kann.

«Haben sie das nicht auch als PDF?»
«Haben sie das nicht auch als PDF?» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Doch dann schlägt die anfängliche Kollegialität in Kampf um. Brockmann beginnt die Vorschläge Maiers und des Entwicklungsteams zu ignorieren. Er plant stattdessen, Walser an die Börse zu bringen und will mit Hilfe von Investoren grosse Pläne verwirklichen. Auch weil es bei Maier privat alles andere als gewünscht läuft, fühlt sich der Finanzchef zunehmend in die Ecke gedrängt und scheint sobald zu allem fähig zu sein.

Der toll gespielte und gut inszenierte neue Film von Sabine Boss macht vieles richtig, leider will der Funke trotzdem nicht überspringen. Die Figuren lassen einen etwas zu kalt und die Story ist ziemlich vorhersehbar. So lässt einen der Film am Ende eher nachdenklich zurück, anstatt dass er während den 90 Minuten Spielzeit mitreisst.

Nach ihrem erfolgreichen und gefeierten Drogen-Drama Der Goalie bin ig steht auch bei Sabine Boss' Nachfolge-Kinofilm (dazwischen drehte sie unter anderem zwei Mal einen Tatort) wieder ein Mann im Zentrum der Erzählung, der vom grossen Rest der Gesellschaft abgeschnitten lebt. In Jagdzeit ist dies aber nicht ein Drogensüchtiger, sondern ein Finanzchef, der sich hochgearbeitet hat. Dort oben fühlt er sich nicht nur ziemlich einsam, er ist es auch tatsächlich. Damit schöpft Boss aus der Realität, denn angelehnt ist der Film an die Suizid-Fälle der letzten Jahre bei Swisscom und der Zurich-Versicherung. Boss zeichnet mit ihrer Top-Inszenierung eine kalte Umgebung, welche kaum Fehler - nicht mal Kommafehler! - zulässt und unter deren Druck die Leute zu zerbrechen drohen. Ein spannender Stoff, der einen in der präsentierten Form jedoch eine Spur zu kalt lässt.

Obwohl Jagdzeit ohne Zweifel gut gespielt ist, wird man mit Stefan Kurts Finanzchef nicht wirklich warm. Zu seinem Verhängnis gehört er von (Film-)Anfang an zur Führungsetage und es war schon immer schwer, gross um Anzugsträger zu bangen. Auch wenn Kurts Maier als durchaus guter und anständiger Mensch dargestellt wird, packt sein Schicksal zu wenig. Zum einen wird schnell klar, wohin die Reise geht, zum anderen werden ständig pathetische Sätze aus dem Buch «Hagakure: Der Weg des Samurai» vorgelesen. Zudem wird im Falle des mitten in der Scheidung steckenden Maiers auch noch ein paar Mal in die Klischeekiste gegriffen (Stichwort: Hockey-Trainer). Der Film verspielt da viel Goodwill.

Das ist schade, weil man dem Film rein handwerklich nicht viel vorwerfen kann. Die Kameraführung, die Beleuchtung, der Score sind alle top. Die Gefühlskälte der Top-Manager wird mit kalten Bildern von Büroräumen oder Privatwohnungen perfekt wiedergegeben und das Schlussbild ist perfekt gewählt. Aber am Ende muss man sich die Frage stellen, ob man wirklich 90 Minuten mit Figuren verbringen möchte, die kaum Emotionen auszulösen vermögen. Es kann natürlich argumentiert werden, dass man als einfacher Arbeiter auch im echten Leben eher weniger mit Topmanagern mitfühlt, doch ein Film sollte idealerweise die Fähigkeit haben, einen mitzureissen. Dies tut Jagdzeit leider zu selten.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 3

seltza

der Film ist bedrückend und entwickelt einen super Sog. Absolut sehenswert.

crs

Filmkritik: Die Arbeitsstunden des Jägers

muri

Über weite Teile hervorragend und packend umgesetzt, wird mit einem sehr wichtigen Thema hier hantiert. Getragen von ganz starken Darstellern beginnt die Story in der Mitte ein bisschen zu hängen, aber nach dieser kleinen Baisse gehts wieder in die Vollen.

Ein Film, den man sich ansehen sollte! Vor allem, wer hoch oben in den Bürosilos arbeitet....

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