I'm Thinking of Ending Things (2020)

I'm Thinking of Ending Things (2020)

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  2. 134 Minuten

Filmkritik: Wer hat an der Uhr gedreht?

Netflix
Sie hat die Tapete schön.
Sie hat die Tapete schön. © Netflix

Louisa (Jessie Buckley), die vielleicht auch Lucy oder Yvonne heisst, ist mit ihrem Freund Jake (Jesse Plemons) auf dem Weg zu dessen Eltern (Toni Collette, David Thewlis), die auf einer abgelegenen Farm auf dem Land leben. Während der langen Autofahrt inmitten eines garstigen Schneesturms hinterfragt die junge Frau ihr Leben und die Beziehung zu Jake. Obwohl sie ihn für einen netten Kerl hält, läuft irgendetwas in der Beziehung zu ihm grundlegend falsch. Was genau, das weiss sie allerdings auch nicht so recht.

Meet the Parents
Meet the Parents © Netflix

Nachdem das Paar auf der Farm angekommen ist, häufen sich seltsame Vorkommnisse. Jakes Eltern verwandeln sich äusserlich, Louisa erhält andauernd Anrufe und verstörende Voice-Messages auf ihr Handy und Jake hat immer wieder unvermittelte Aggressionsausbrüche. Gleichzeitig putzt irgendwo in einer verlassenen Highschool ein alter Hausmeister (Guy Boyd) die Gänge, schaut fern und beobachtet ein Paar beim Tanzen. Irgendwie scheint er mit Louisa und Jake verbunden zu sein.

Im Vergleich zu früheren Filmen von Regie- und Drehbuchwundertüte Charlie Kaufman kommt I'm Thinking of Ending Things ernster und - trotz Toni Collettes wieherndem Lachen - ruhiger daher. Für viele Zuschauer dürften die teilweise langfädigen Dialoge und Jessie Buckleys mäandrierende Voiceovers wohl hart an der Grenze zur Langeweile kratzen. Doch es lohnt sich, die Geduld aufzubringen. Dank feinem Humor, exzellenten Bildern und herausragenden Darstellern überzeugt dieser intellektuelle Liebesfilm und lässt dabei viel Raum für Interpretationen. Definitiv ein Film zum mehrmals Schauen.

Christopher Nolan ist nicht der einzige, der in seinen Filmen gerne gedankliche Purzelbäume schlägt. Von Charlie Kaufman ist man sich Ähnliches gewohnt - in seinem Regiedebüt Synecdoche, New York schickte der für seine Vorlagen zu Being John Malkovich oder Eternal Sunshine Of The Spotless Mind bekannt gewordene Drehbuchautor einen Theaterregisseur in ein Labyrinth von Spiegelbildern, bei dem man bald nicht mehr erkennen konnte, was Realität ist und was Fiktion.

Ebenfalls ein Labyrinth ist sein neuer Film, der von Netflix produziert worden ist. I'm Thinking of Ending Things beginnt als etwas eintöniges Roadmovie - die ersten 20 Minuten des Filmes reden Jessie Buckley und Jesse Plemons im Auto aneinander vorbei - und endet als verwirrender Thriller, den man ein zweites Mal anschauen möchte, um ihn wenigstens ansatzweise zu verstehen.

Eine grosse Erleuchtung am Schluss bleibt dabei allerdings aus, im Gegenteil. Immer wenn man glaubt, den Film langsam zu durchschauen, packt Kaufman eine Szene rein, die die vermeintliche Erkenntnis wieder über den Haufen wirft. Faszinierend ist sein Streifen aber gleichwohl: In virtuoser Verspieltheit inszeniert er einen Film über Ein- und Zweisamkeit und das Vergehen der Zeit. Diese ist ein Schlüsselelement in diesem Film, ähnlich wie Nolan spielt Kaufman mit dem Konzept der Zeit und bietet diesbezüglich einige interessante Denkansätze.

Dass der Film trotz seiner verwirrenden Story und der Dialoglostigkeit funktioniert, liegt einerseits an der betörend schönen Kamerarbeit von Lukasz Zal, der für seinen Landsmann Pawel Pawlikowski schon die Schwarzweissfilme Cold War und Ida umgesetzt hat; andererseits an den starken Darstellern. Jessie Buckley - unsere Gewinnerin des Goldenen Sofas am ONFF 2020 für Wild Rose - glänzt als grübelnde junge Frau genauso wie Jessie Plemons als ihr phlegmatischer Freund. Das pure Gegenteil sind Jakes haarscharf an der Grenze zum Overacting aufspielenden Filmeltern David Thewlis und Toni Collette.

Neben verschiedenen Anspielungen auf Filme (unter anderem A Woman Under The Influence von John Cassavates) bietet der Film aufmerksamen Zuschauern eine Menge kleiner Rätsel und Details. Mit seiner existenzialistisch-melancholischen Grundstimmung erinnert er zudem an Holy Motors, einen anderen Arthouse-WTF-Film. Beiden Filmen ist zudem gemeinsam, dass sie gegen Schluss so eine richtig abgedrehte Szene haben, die eigentlich den Bogen völlig überspannt. Die meisten anderen Filme würden sich damit lächerlich machen, doch im Kaufman-Universum wirkt es stimmig. Nach dem enttäuschenden Puppenabenteuer Anomalisa ist es dem Regisseur mit I'm Thinking of Ending Things wieder gelungen, eine vielschichtige kleine Filmperle zu erschaffen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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