Hillbilly Elegy (2020)

Hillbilly Elegy (2020)

Hillbilly-Elegie
  1. 116 Minuten

Filmkritik: Oh-oh in Ohio

Netflix
Home Sweet Home
Home Sweet Home © Netflix

Der frühere Marine J. D. Vance (Gabriel Basso) studiert Jura in Yale und könnte mental nicht weiter weg von seiner Kindheit in Ohio sein. Denn seine jungen Jahre verliefen aufgrund ärmlicher Verhältnisse und seiner drogensüchtigen Mutter Bev (Amy Adams) alles andere als rosig, sodass oftmals seine resolute Grossmutter Mamaw (Glenn Close) aushelfen musste. Jetzt, kurz vor einem wichtigen Vorstellungsgespräch in einer Kanzlei, wird J. D. jedoch von seiner Vergangenheit eingeholt. Schwester Lindsay (Haley Bennett) bittet ihren Bruder zurück nach Ohio zu kommen, weil Bev wieder einmal Mist gebaut hat.

And the Oscar goes to...
And the Oscar goes to... © Netflix

So kehrt J. D. an einen Ort zurück, den er lieber hinter sich gelassen hätte. In seiner alten Heimat muss er lernen, seine Vergangenheit zu akzeptieren, bevor er guten Gewissens wieder zu seinem neuen Leben und zu seiner Freundin Usha (Freida Pinto) fahren kann.

Hillbilly Elegy zeichnet ein bedrückendes Bild einer Gesellschaft, die praktisch sich selbst überlassen ist und wegen den Drogen immer mehr abstürzt. Das ist nicht immer leicht anzuschauen, doch die Story ist von Ron Howard überzeugend vorgetragen, sodass man während zwei Stunden anständig unterhalten wird.

Dass Netflix nicht nur bei der Anzahl Abonnenten davonziehen möchte, sondern auch bei den Oscars der Konkurrenz die lange Nase zeigen will, ist längst bekannt. Um letzteres Ziel zu erreichen, hat der Streaming-Gigant vor allem auf bekannte Regisseure gesetzt, die ohne Einmischung ihre Prestige-Projekte umsetzen konnten, welche sie bei anderen Studios nur schwer finanziert bekommen hätten. Man denke da an das mexikanische Schwarzweiss-Drama Roma von Alfonso Cuaron oder Martin Scorseses dreieinhalbstündiges Gangster-Epos The Irishman. Diese Filme hören sich aufgrund der Macher vielversprechend an, was die Verleihung von Preisen betrifft. Sie sind jedoch nicht das, was man als «Oscar Bait» bezeichnen würde. Denn solche Goldmännchen-Köder setzen meistens auf einen bekannten oder auf wahren Begebenheiten basierenden Stoff oder sind Biopics über berühmte Leute, die bei den Awards-Shows als sichere Werte gelten. Mit Hillbilly Elegy hat Netflix nun genau einen ersten solchen Köder im Line-up.

Es ist dies die Verfilmung von «Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis», dem autobiografischen Drama von J. D. Vance. Darin erzählt der Autor von seiner Kindheit und der Arbeiterklasse in Ohio, was natürlich auch im Film gezeigt wird. Dabei fällt auf, wie der Film in der Darstellung der Situationen nicht gerade zurückhält, sondern Schicksalsschläge und unschöne Situationen unverblümt zeigt. Das ist nicht immer einfach anzuschauen, doch wird man auch deshalb hineinzogen. Denn man möchte dann schon wissen, wie es J. D. überhaupt geschafft hat, aus dieser Welt zu entkommen. Die Geschichte pendelt dabei immer zwischen Gegenwart und Vergangenheit, sodass am Ende ein Bild einer Gesellschaft entsteht, der man besser nicht angehört, aber der man trotzdem ein wenig Sympathien entgegenbringen kann.

Allen voran ist Hillbilly Elegy aber ein (gedachtes) Showcase für zwei Schauspielerinnen, die gemeinsam auf 13 Oscarnominationen kommen, die Goldstatue jedoch noch nie nach Hause nehmen konnten: Glenn Close und Amy Adams. Mit ihren dicken Akzenten und dem vielen Make-up schiessen die beiden jedoch etwas über das Ziel hinaus. So sehen wir vor allem Close und Adams, die Mut zur Hässlichkeit zeigen, jedoch weniger ihre Figuren. Das ist schade, denn ansonsten ist das Drama von Ron Howard durchaus solide. Mehr jedoch nicht, für das bleibt der Film letzten Endes etwas zu sehr an der Oberfläche hängen. So kann der Film leider auch nicht vergessen machen, dass seine erste Priorität es ist, ein paar Preise abzuräumen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 2

sma

Glenn Close trägt in Hillbilly Elegy ein sehr lustiges Kostüm und redet über Terminator.
Für so eine Rolle hat Gary Oldman seinen Oscar erhalten.

crs

Filmkritik: Oh-oh in Ohio

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