Filmkritik: Südschweizerisches Symposium

16. Zurich Film Festival 2020
Da Vinci oder Hesse?
Da Vinci oder Hesse? © Zurich Film Festival

1919 bedeutete nicht nur für Europa, sondern auch für Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) einen Umbruch. Auf der Flucht vom zerrütteten Privatleben und der Erschütterung durch den Krieg, sucht und findet er im Tessiner Idyll Montagnola seine Mitte und Ruhe. Diese Selbstfindung verarbeitet er in «Klingsors letzter Sommer», notabene einer Erzählung um einen todkranken Maler. Nicht nur schuf er damit eines seiner vielen literarischen Alter Egos, sondern auch ein berauschendes Stück Literatur.

100 Jahre nach der Publikation des «Klingsor» lauschen wir Peter Simonischek, wie er besagte Erzählung vorträgt. Im erlauchten Kreis der Zuhörerschaft vertreten sind unter anderem auch Hesses Enkel Silver, Hesse-Biograf Michael Limberg, die Schriftsteller Sybille Lewitscharoff und Alain Claude Sulzer sowie die Musiker Daniel Behle und Oliver Schnyder. Bei ihrem gemeinsamen Nachtessen versuchen diese sechs, Hermann Hesse zwischen den Zeilen des «Klingsor» zu fassen.

Was im typischen Literaturclub-Duktus beginnt und von flanierenden Literaten umrahmt wird, entwickelt sich immer mehr zu einem (be)rauschenden synästhetischen Erlebnis, das nicht nur eigenständig inspiriert, sondern auch seiner literarischen Vorlage gerecht wird und die Lust danach weckt, Hesses Essay «Klingsors letzter Sommer» zu lesen.

Hermann Hesses psychoanalytische Selbsttherapie «Klingsors letzter Sommer» ist ein Paradebeispiel dafür, warum der Maler und Dichter bei den Kritikern gut ankommt und bei den textorientierten Literaturwissenschaftlern ein Schattendasein fristet: Die Parallelen zu Hesses Leben drohen die Erzählung zu überblenden und damit das Poetische im Autobiographischen zu erschöpfen.

Der Film wird denn auch entlang dieses roten Fadens gewoben, schafft es aber bald, dass dieser als solcher vergessen geht. So fallen die zunächst häufig auftretenden, für die Literaturkritik so typisch dünkelhaft anheimelnden Schwärmereien über das eigene Wissen um Werk und Autor auf, mit denen man sich gegenseitig zu übertrumpfen sucht. Besonders für Hesse-Biograf Michael Limberg, die Schriftsteller Alain Claude Sulzer und Sybille Lewitscharoff trifft dies zu, sprich die auf dem Feld der Literaturkritik arrivierten Teilnehmer dieses Kultursymposiums. «Wo das Wetter hinüberzittert in den Seelengrund», ist wohl der Gipfelpunkt ihrer nicht für jedermann leicht verdaulichen Beschreibungen.

Regisseur Heinz Bütler hat gut entschieden, das Trio um drei Köpfe zu ergänzen, das zwar auf Augenhöhe mitdiskutieren kann, aber zugleich dafür sorgt, dass die Diskussion erträglich und ertragreich bleibt. Sänger/Komponist Oliver Behle und Pianist Oliver Schnyder agieren zwar eher zurückhaltend, sorgen aber für spannende und anregende Inputs und Silver Hesse referiert mit einer so erfrischend ironischen Distanz über seinen Grossvater, dass bei aller Bodenständigkeit automatisch Leichtigkeit in die Sache kommt.

So wird das literarische Erlebnis «Klingsors letzter Sommer» allmählich aus den vergeistigten Sphären des Allzupersönlichen allgemein greifbar gemacht. Man erfährt Erhellendes über (kultur-)historische Einflüsse auf Hesse, wie zum Beispiel den Komponisten Richard Strauss, das pietistische Gedankengut oder die Redefreiheit von deutschen Exilschriftstellern in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Schliesslich steigert sich die von Peter Simonischek pathosfrei vorgetragene Erzählung angereichert mit einem wilden Bild-Musik-Text-Gemisch in eine Ekstase, die einen nicht nur Hesse neu erfahren lässt, sondern - und damit kommt man Hesse ganz nahe - auch etwas rauschsüchtig macht.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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