Greenland (2020)

Greenland (2020)

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  3. 119 Minuten

Filmkritik: Clark Has Fallen

Panik auf der Titanic
Panik auf der Titanic © Impuls Pictures AG

John Garrity (Gerard Butler) ist ein erfolgreicher Architekt in Atlanta. Nur zu Hause hängt derzeit der Haussegen schief. Für die Geburtstagsfeier seines Sohns Nathan (Roger Dale Floyd) spielt er mit seiner Frau Allison (Morena Baccarin) heile Familie vor. Zeitgleich bahnt sich am Himmel ein spektakuläres Ereignis an. Komet Clark soll die Erde passieren und dabei von blossem Auge sichtbar sein. Als plötzlich Teile des Kometen eine Stadt in Florida treffen, ändert sich die Lage schlagartig.

Schon wieder Stau auf der A1
Schon wieder Stau auf der A1 © Impuls Pictures AG

Mitten in der Geburtstagsfeier bekommt John eine Nachricht, dass sie zur Notevakuierung ausgewählt wurden - als einzige Familie der Nachbarschaft. Mit leichtem Gepäck und einem QR-Code macht sie sich auf den Weg zu einem Stützpunkt der Air Force. Doch schnell bricht das Chaos aus: Stau, Plünderungen und panische Menschen erschweren den Weg dorthin. Angeblich wird nur ein Bruchteil der Menschen nach Grönland evakuiert, während Komet Clark seinen bedrohlichen Kurs Richtung Erde fortsetzt.

Unter dem Motto «Garrity First» hangelt sich Actionheld Gerard Butler von einer brenzligen Situation zur nächsten. Greenland bietet dabei ein interessantes Spektakel, welches man von seinem sicheren Kinositzsessel aus durchaus geniessen kann. Allerdings ist das Familiendrama im vertrauten Szenario auch sehr anstrengend. Das Einzelschicksal zum Weltenende wirft mehr moralischen Fragen auf als der Film beantwortet. Und die Action um Komet Clark kommt leider viel zu kurz.

Meteore und Kometen beschäftigen die Menschheit schon wesentlich länger als die Katastrophenfilme aus Hollywood, bergen doch die Feuerbälle aus dem All die Gefahr, ganze Spezies auszurotten. Um so ein Szenario zu verhindern braucht es schon einen echten Typen wie Bruce Willis - oder eben Gerard Butler. Regisseur Ric Roman Waugh (Angel Has Fallen) besinnt sich in Greenland auf Amerikas Stärken: das Militär und die Institution Familie. Beides wird im Laufe der zwei Stunden auf die Probe gestellt.

Die Panik vor Komet Clark allein löst bereits ein eigenes Endzeitszenario aus: Menschen plündern Geschäfte, schlagen sich im Kampf um die seltenen Armbänder für die Evakuierung die Köpfe ein und stürmen geschützte Bereiche, als wären sie eine Horde wilder Zombies. Jeder Kontakt ist eine mögliche Bedrohung und auch der nette Nachbar von nebenan kann zur irrationalen Gefahrenquelle werden. Dabei verhält sich die Familie Garrity ebenso egoistisch wie alle anderen. Bibelzitate und Nächstenliebe sind vergessen, wenn die Hauptfiguren erneut ein neues Transportmittel benötigen.

Greenland stellt dabei sehr laut die Frage, was man selbst tun würde, wenn es die eigene Familie wäre, die hier in Gefahr ist. Im Gegensatz zu einer Pandemie hat ein Planetenkiller fast schon etwas Beruhigendes. Vielleicht feiern deshalb auch Menschen auf Häuserdächern das kommende Ende der Welt, anstatt sich wie John Garrity an den letzten Strohhalm zu klammern. Auf jeden Fall laufen die moralischen Fragen völlig ins Leere - im Gegensatz zu Komet Clark.

Die wenigen Actionsequenzen des Films sind ansehnlich inszeniert und bewegen sich auf einem deutlich höheren Produktionsniveau als einige andere Butler-Filme der vergangenen Jahre (London Has Fallen). Abgesehen von einem CGI-Feuer auf dem Highway sehnt man sich nach mehr Spektakel. Doch der Fokus liegt leider auf dem Drama um die Familie Garrity. Hier bekommt man Figuren, die dramatisch aneinander vorbeireden und -rennen. Der Grossteil der Dialoge ist bedeutungslos und schwer zu ertragen. Im Kontrast dazu stehen die glücklichen Familienmomente, die angesichts des kommunizierten Zeitdrucks und der Situation sehr bizarr wirken. Aber warum sollte man auch nicht einmal kurz den Moment geniessen, auch wenn gerade Tokio ausgelöscht wird.

Letzendlich ist Greenland ein solider Katastrophenfilm, weil das Szenario spannend und ansprechend dargestellt wird. Im Jahr 2020 kann man diese Art Gerard-Butler-Vehikel ganz gut als Eskapismus nutzen. Und Feuerbälle aus dem All verlieren für uns nie an Faszination.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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Kommentare Total: 2

muri

Die ersten gut 30 Minuten sind Spannung pur. Danach flacht das Ganze etwas ab, kommt aber immer noch solide und gut unterhaltend daher. Der Kampf des Vaters um seine Familie, die Bedrohung und die Unsicherheit halten bis zum etwas gar kitschigen Ende den Level auf angenehmem Niveau. Hatte deutlich schlimmeres erwartet und war deshalb positiv überrascht. Kein Überfilm, aber in der jetzigen Zeit eine kleine Flucht in die Kinowelt, die wir alle so stark vermissen.

sma

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