Gott, du kannst ein Arsch sein (2020)

Gott, du kannst ein Arsch sein (2020)

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  2. 98 Minuten

Filmkritik: Steffi geht noch einmal ran, bevor sie gehen muss

16. Zurich Film Festival 2020
Steffi geht auf Streife.
Steffi geht auf Streife. © UFA FICTION 2019 Thomas Kost

Steffi (Sinje Irslinger) feiert mit ihren Freunden den Schulabschluss. Mama Eva (Heike Makatsch) und Papa Frank (Til Schweiger) sind auch an der Feier und freuen sich über den Erfolg ihrer Tochter. Die Klassenfahrt nach Paris steht an und Steffi freut sich darauf, dort Zeit mit ihrem Freund zu verbringen. An der Polizeiakademie steht die Uniformprobe an und Steffi fragt sich, welche in ihrer Grösse ist. Ganz beiläufig sagt ihr ein Vorgesetzter, dass sie den Gesundheitscheck versemmelt habe und nicht weitermachen könne. Sie geht davon aus, dass der Restalkohol im Blut dafür verantwortlich ist. Sie geht mit den Eltern zum Arzt und erfährt, dass sie Krebs im Endstadium und damit nur noch wenige Monate zu leben hat.

Oh, Mann
Oh, Mann © UFA FICTION 2019 Thomas Kost

Den Eltern zieht es den Boden unter den Füssen weg und Steffi nimmt es mit beängstigend stoischer Ruhe auf. Sie möchte unbedingt nach Paris, aber Mama Eva lässt sie nicht und möchte, dass sie gleich mit der Chemo beginnt. Steffi trifft auf den Zirkusartisten Steve (Max Hubacher), der sich bereit erklärt, sie mit dem von Papa Frank geschenkten Pickup nach Paris zu fahren. Steffi büxt aus und begibt sich mit Steve auf einen abenteuerlichen Roadtrip. In Panik machen sich ihre Eltern auf die Suche nach ihr.

Diese Achterbahn der Gefühle ist starker Tobak. Trotz der schweren Thematik ist dieser Roadtrip hauptsächlich Komödie und verneigt sich vor dem Leben. Eine Auswahl der besten Schauspieler Deutschlands ist mit von der Partie; auch Nebenrollen sind unter anderen mit Jürgen Vogel oder Benno Führmann exzellent besetzt. Das Drehbuch ist grosse Klasse und die Jungschauspieler Sinje Irslinger und Max Hubacher zeigen ihr grosses Potential. Die Story verliert gegen Schluss etwas an Drive.

Der Film gewährt einen Blick hinter den schweren Titel. Die Dialoge sind grosse Klasse und wenn Steffi ihre Krankheit schon fast als belanglose Tatsache im Stil von «Ist halt so» erwähnt, ist das nicht zynisch, sondern einfach ehrlich. Mama Eva und Papa Frank gehen unterschiedlich mit dem bevorstehenden Verlust ihrer Tochter um, was zu hitzigen Diskussionen führt. Papa Frank ist Pfarrer und findet, dass es Steffis Leben sei. Er überreicht ihr als Geschenk einen Pickup, den er restaurieren und lackieren lassen möchte, damit er bereit ist, wenn Steffi Auto fahren kann. Dann wiederum sitzt er in der Kirche und findet im Gebet keine Antworten. Das sind Szenen, die besonders unter die Haut gehen.

Der Film basiert auf wahren Tatsachen, aber vieles der Geschichte ist auch Fiktion. Der Roadtrip geht nicht immer auf und wirkt doch oft etwas planlos umgesetzt. Die vier Stufen von der Liebe der Indianer sind ein Leitmotiv, das über den ganzen Film immer wieder auftaucht. In Tammys Brief steht folgendes: «Die Indianer sagen, es gibt vier Stufen von Liebe. Die erste Stufe ist die Liebe zu unseren Mitmenschen. Die zweite Stufe der Liebe ist die Liebe zu einem bestimmten Menschen. Die dritte zu einem bestimmten Menschen mit der Intention, ihn besitzen und für immer behalten zu wollen. Und die vierte Stufe ist, einen Menschen so unendlich lieben zu können, dass wir nur noch wollen, dass es ihm gut geht und er glücklich ist, ganz egal, welche Rolle wir dabei spielen.»

Viele mögliche Ansätze davon sind im Film sichtbar, aber sie bleiben offen. Vielleicht ist das die Absicht der Filmemacher, aber das aufzuschlüsseln ist für den Zuschauer nicht ganz einfach. Der Film will das Leben feiern, aber es liegt in der Natur der Sache, dass er den Zuschauer nachdenklich zurücklässt.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

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