Good Joe Bell (2020)

  1. ,
  2. 90 Minuten

Filmkritik: Bullying is bad, m'kay

45th Toronto International Film Festival
«Das nächste Mal nehmen wir das Auto.»
«Das nächste Mal nehmen wir das Auto.» © Courtesy of TIFF

Joe Bell (Mark Wahlberg) hat eine Mission: Der Familienvater aus Oregon wandert durch die USA, um auf die Gefahren von Mobbing aufmerksam zu machen. Denn sein homosexueller Sohn Jadin (Reid Miller) wurde an seiner Schule immer wieder wegen seiner sexuellen Orientierung gepiesackt. Das ging so weit, dass Jadin Textnachrichten erhielt, in denen ihm der Tod gewünscht wurde. Damit dies nicht auch andere Kinder durchleben müssen, hält Joe nun Vorträge an Schulen und verteilt Hinweis-Kärtchen an Personen, die sich abfällig über Homosexuelle äussern.

Auf seinem Weg wird Joe dabei auch von Jadin begleitet, mit dem er auch mal den Lady-Gaga-Hit «Born This Way» anstimmt. Doch dies täuscht nicht darüber hinweg, dass Joe selbst in der Vergangenheit Fehler gemacht hat in Hinsicht auf seinen homosexuellen Sohn. Während Joe Kilometer um Kilometer zurücklegt, kämpft er nicht nur gegen die sich veränderten Wetterumstände, sondern auch gegen seine eigenen Dämonen.

Wichtiges Thema, schwacher Film. Die Geschichte des Joe Bell, der durch die USA zog, um die Gesellschaft über Mobbing aufzuklären, scheitert an einem manipulativen Skript und wegen Mark Wahlberg auch an einem wenig überzeugenden Hauptdarsteller. Da ist selbst ein verschupfter Mr. Mackey glaubhafter, wenn er den Schülern von South Park mit einem simplen «Bullying is bad, m'kay» sagt, was Sache ist.

Es steht ausser Frage, dass der Film Good Joe Bell gute Absichten hat. Denn Mobbing ist eine üble Sache, die es zu bekämpfen gilt. Mit Hollywoodstar Mark Wahlberg in der Hauptrolle dürfte der Film ein grösseres Publikum erreichen und wird seine Message so an mehr Leute bringen können. Alles schön und gut. Nur ist Wahlberg völlig fehlbesetzt in der Rolle des leidenden Vaters, und zudem ist das Drama von Reinaldo Marcus Green (Monsters and Men) und der Brokeback Mountain-Drehbuchautoren Larry McMurtry und Diana Ossana wegen eines «Twists» auch noch recht ärgerlich.

Es dürfte nicht allzu lange dauern, bis nicht nur der geneigte Filmfan merken wird, dass zu Beginn etwas nicht stimmt. Bestätigt wird man in seinem Verdacht dann nach 45 Minuten, wenn der Film den bereits erwähnten Twist auffährt, der gar keiner ist. Offensichlich wollten die Macher die Zuschauer mit diesem Kniff schocken und betroffen machen. Doch dieser Schuss geht übelst nach hinten los und fühlt sich heftigst manipulativ an.

Einen Gefallen hat sich die Produktion auch nicht mit der Verpflichtung von Mark Wahlberg getan. Es ist lächerlich, den Muskelprotz mit den aufgepumpten Armen als einfachen Mann zu zeigen, der monatelang durch Amerika wandert und sich dann mal wieder auf eine heisse Mahlzeit freut - dies ist wenig glaubwürdig.

Doch nicht nur vom Äusseren passt es nicht, sondern auch vom Schauspielerischen her. Wahlberg überzeugt in den dramatischen Momenten überhaupt nicht, was man auch daran merkt, dass der Film jedes Mal besser wird, wenn er nicht Teil davon ist. Denn im Gegensatz dazu geht das gezeigte Schicksal des jungen Jadin (toll gespielt von Reid Miller), der an seiner Schule fertiggemacht wird, nahe und berührt.

Es handelt sich bei der Produktion übrigens um die Verfilmung von wahren Begebenheiten. Joe Bell tourte wirklich moantelang durch die USA, um auf die Gefahren von Mobbing aufmerksam zu machen. Doch der präsentierte Film macht deutlich, dass dies besser eine Newsstory geblieben wäre. Denn viel Fleisch ist zu allem Übel auch nicht am Knochen, um 90 Minuten in irgendeiner Form zu rechtfertigen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd