Das geheime Leben der Bäume (2020)

Das geheime Leben der Bäume (2020)

  1. 101 Minuten

Filmkritik: Ein Männlein steht im Walde

«Das gibt wieder Material für meine Bücher!»
«Das gibt wieder Material für meine Bücher!»

Alles angefangen habe mit einem grandiosen Bestseller über ein Thema, das im ersten Moment ähnlich spektakulär klinge wie eine Abhandlung über saure Milch, meint ZDF-Talkmaster Markus Lanz. In seiner Sendung stellt er gerade den Förster Peter Wohlleben vor, was eigentlich nicht nötig wäre. Denn dessen 16. Publikation, «Das geheime Leben der Bäume», stürmte 2015 unerwartet die Bestsellerlisten und ist noch heute weltweit in den Buchhandlungen aufgelegt. Die Leserschaft ist fasziniert von den Beschreibungen, Erzählungen und Visionen von «Deutschlands Lieblingsförster».

So viele Bäume und kein Wald
So viele Bäume und kein Wald

Die ganze Leserschaft? Nein, denn Wohlleben schreckt nicht vor Kritik zurück. Nach einigen Jahren als Förster im konventionellen Betrieb kapitulierte er. Nicht aus Ohnmacht, sondern aus Protest. «Das ist nicht richtig, was ich da tue», war er überzeugt. Denn die Forstwirtschaft, wie sie heutzutage betrieben würde, reihe ökologische und ökonomische Dummheiten aneinander. Deswegen hat er es sich zum Ziel genommen, den Leuten den wahren Wald wieder zu erschliessen. So erhofft er sich die nötige Kehrtwende, denn er weiss: «Das Establishment verändert sich noch langsamer als der Wald und mit viel mehr Widerstand.»

Wer denkt, der Wald sei heute noch einer der letzten Refugien der Natur, kommt hier schnell auf die Welt. Diese Erfolgsgeschichte um den Bestseller «Das geheime Leben der Bäume» und dessen Autor räumt mit dem Mythos Wald auf, erweckt aber zugleich den Mythos des alten, unangetasteten Forsts zum Leben. Am Film dran bleibt man trotz einiger schöner Bilder vor allem wegen Wohllebens Charisma sowie Begeisterungsfähigkeit. Ausserdem ist es einfach aufregend, wie er sich mit dem Establishment anlegt und dessen Vertretern gnadenlos ihre Verfehlungen um die Ohren haut.

Unser Wald: Eine Sphäre romantischen Idylls und Erholungsoase für unseren Geist und Körper. Alles Quatsch! Dass unsere Wälder in etwa so viel mit «Natur pur» zu tun haben wie die Massentierhaltung, legt dieser Film überzeugend dar. Analog zu Landwirten, die die Perversion ihres Business mitbekommen haben und ihren Beruf neu leben, richtet sich der Protagonist und Autor der Buchvorlage dieses Films, Peter Wohlleben, gegen den Druck der Industrie - überzeugender und kraftvoller als jedes Marketingkonzept seiner Gegner.

Es scheint fast so, als wolle der Film seine Kernforderung an das Forstwesen erzählerisch umsetzen. Diese lautet: Anstelle von einförmigen «Nadelholzplantagen» sollen wieder vielfältige, wilde Lauburwälder gedeihen. Wie ungewohnt das ist, bemerkt man auch dann, wenn man diese Dokumentation einordnen möchte, denn hier soll man wirklich den sprichwörtlichen Wald und nicht die vielen Bäume sehen. Sie springt durch die Kapitel ihrer gleichnamigen Buchvorlage, Autor Wohlleben zitiert daraus, man sieht ihn auf Führungen, während Referaten, beobachtet ihn beim Vloggen, wie er im Zweifingersystem seine Kapitel schreibt oder beim Mitmarschieren an der Demo im Hambacher Forst. «Demokratie ist nicht nur, alle vier Jahre ein Kreuz zu setzen. Das hier ist Demokratie», erläutert er bewegt.

Nie um ein Statement verlegen, vertritt der Förster seine Mission, mehr Liebe für die Natur zu verbreiten und die Rückkehr zu einer ökologisch und ökonomisch vernünftigen Forstwirtschaft voranzutreiben. Davon bleibt viel hängen. Man bekommt ein gutes Gefühl für die Persönlichkeit und die Ideen eines der meistgelesenen Sachbuchautoren Deutschlands. Wie schon in seinen Büchern vermittelt er, den man äusserst gerne als Lehrer gehabt hätte, Wissen und Zusammenhänge eloquent, enorm pointiert und mit einer reichen und meist anthropomorphen Bildsprache. Dass dies nicht immer unproblematisch ist, weiss er, erachtet es aber als unumgängliches Zugeständnis an die Präzision zugunsten der Reichweite seines Anliegens.

Immer mal wieder lässt er sich dabei stark auf die Äste raus, doch das scheint ihn nicht zu stören. Im Gegenteil verrät sein entwaffnendes Dauerlächeln, dass er gewisse, (noch) unbewiesene Dinge ohnehin schon lange weiss, seien sie auch noch so revolutionär, wie zum Beispiel dass Pflanzen Schmerzen empfinden können. «Sie merken es schmerzhaft, wenn jemand an ihnen herumknabbert», sagt Wohlleben mit einer Sicherheit, als würde er erklären, dass die Erde eine Kugel sei. Er wartet regelrecht auf die Einwände und retourniert leger mit Unterstützung der Forschungsergebnisse des Neurobiologen Frantisek Baluska. Trotzdem bleiben gewisse Fragezeichen. Aber vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, den Wald wieder mit Geheimnissen anzureichern.

/ arx