Favolacce (2020)

Favolacce (2020)

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  2. 98 Minuten

Filmkritik: Eine wahre Geschichte, die auf einer Lüge basiert

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
Vortrag im Vorgarten
Vortrag im Vorgarten © Pepito Produzioni / Amka Film Production

Es ist ein sehr heisser Hochsommer. In einer Reihenhaussiedlung in den Vororten Roms leben diverse Familien quasi Tür an Tür. Eine davon ist die Familie Placido, bestehend aus Vater Bruno (Elio Germano), Mutter Dalila (Barbara Chichiarelli) und den Geschwistern Dennis (Tommaso di Cola) und Alessia (Giulietta Rebeggiani). Die Eltern sind recht wohlhabend, die Kinder glänzen in der Schule. Doch in der scheinbar glücklichen Ehe ist nichts, wie es scheint. Da kann dem Nachbarn schon mal der neugekaufte Pool im Vorgarten zerstört werden. Heimlich versteht sich.

Kellner Amelio (Gabriel Montesi), der mit seinem Sohn Geremia (Justin Korovkin) in einem ärmlichen Wohnungen lebt, ist der Gegensatz zu den Placidos. Geremia wird gemobbt, hat kaum Freunde, ist extrem schüchtern. Sein Leben besteht daraus, seinem Vater alles recht zu machen. Nach und nach machen sich alle Beteiligten mit zunächst harmlosen, später auch böswilligen Attacken gegeneinander das Leben schwer. Ob Klein oder Gross, alle testen ihre Grenzen und reizen sie bis auf Höchste aus.

Favolacce ist ein italienisch-schweizerischer Spielfilm von Damiano und Fabio D'Innocenzo. In realistischen Bildern erzählt er von einem Sommer vor den Toren Roms, einer Vorstadtsiedlung, in der Schein nicht Sein ist. Die Idylle wird langsam, dann zunehmend stärker von Neid und Boshaftigkeit durchzogen. Die Leidtragenden sind ausgerechnet die Kinder. Ein realistischer, drastischer Film mit tollen Kinderdarstellern.

Kindliche Schrift aus grüner Tinte, ein Tagebuch im Müll gefunden - ein namenloser Erzähler findet das Buch eines Mädchens, ist fasziniert und beginnt darin zu lesen. Darauf baut der gesamte Film Favolacce, zu deutsch «Schlechte Geschichten», auf. Es ist der zweite Spielfilm des Brüderpaars D'Innocenzo nach ihrem Debütfilm La terra dell'abbastanza von 2018.

Dabei erzählt der Film nicht vom Inhalt des Tagebuchs allein, sondern vielmehr davon, welche Wirkung das Gelesene auf den Lesenden hat. Das Tagebuch beinhaltet nichts Besonderes, alltägliche Erlebnisse aus dem Urlaub, Sorgen und Nöte eines heranwachsenden Kindes. Der Ich-Erzähler aber projiziert das alles in sein aktuelles Leben, auf die für ihn nervenden Nachbarn, die ätzenden Sommerpartys oder den langweiligen, anstrengenden Job.

Alle Figuren in diesem Film haben ein Problem mit sich selbst und ihrem Leben. Die Erwachsenen haben eigentlich alles erreicht, was zu einem schönen, bürgerlichen Leben nötig ist. Familie, Haus und Auto können sie ihr eigen nennen. Doch statt sich daran zu erfreuen, zufrieden zu sein mit dem Erreichten, sind sie neidisch, habgierig und vulgär. Alle männlichen Figuren sind ungemein aggressiv, vor allem Frauen gegenüber, nicht offensiv, sondern in heimlichen Gesprächen miteinander. Die Frauen dagegen wirken alle seltsam desinteressiert und ignorant. Wirklich kümmern tut sich keine um ihre Kinder.

Am schlimmsten hat es aber die Kinder selbst erwischt. Mit leerem Blick und ohne Freude laufen sie durchs Leben, wirken teilweise wie herangezogene Roboter, sprechen wie Erwachsene und haben doch keinerlei Vorstellung vom Erwachsensein. Die Eltern sind es, die der Meinung sind, ein Vorbild zu sein und dabei jämmerlich versagen.

Alles könnte so schön und harmonisch sein in diesem Hochsommer, der Ferienzeit der Kinder. Doch kleine boshafte Scherze unter Nachbarn und Kindern beginnen langsam auszuarten. Wie eine Gesellschaft so völlig neben der Spur sein kann, das erklärt der Film nicht. Er zeigt nur und kann somit eigentlich überall auf der Welt spielen. Das ist auf eine nicht zu beschreibende Art faszinierend anzuschauen. Besonders die Kinderdarsteller sind erstaunlich gut, über die Aktionen der Erwachsenen mag man nur den Kopf schütteln, denn sie agieren kindlicher als ihre Sprösslinge.

Favolacce ist ein sehr realistischer Film, der nur drastisch deutlich macht, was hinter braven Vorstadttüren zugehen kann. Traurig ist das, kann man doch auch den weiteren Lebensweg der Kinder erahnen. Sie sind die Leidtragenden und schon in ihrem Alter ein Teil einer kaputten Gesellschaft. Kopfschüttelnd bleibt man zurück, erschrocken von soviel Boshaftigkeit, Egoismus und Ignoranz.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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Trailer Italienisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 00:57