The Father (2020)

The Father (2020)

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  2. 97 Minuten

Filmkritik: Now ... where was I?

16. Zurich Film Festival 2020
Ein Gespräch über das Abstauben von Oscar-Statuen.
Ein Gespräch über das Abstauben von Oscar-Statuen. © Courtesy of TIFF

Als Ingenieur hat es Anthony (Anthony Hopkins) weit gebracht und geniesst deshalb nun seinen Lebensabend in einer stattlichen Wohnung im angesehenen London-Stadtbezirk Westminster. Alles könnte so wunderbar sein, doch Anthony stört es, dass er von seiner Pflegerin Angela beklaut wird. Seine Armbanduhr ist nämlich weg und nirgends aufzufinden. Nachdem er Angela mit Schimpf und Schande aus der Wohnung gejagt hat, muss seine Tochter Anne (Olivia Colman) die Wogen wieder glätten und ihren Vater erinnern, dass er ein kleines Wertsachenversteck im Badezimmer hat, wo die Uhr auch tatsächlich wiederauftaucht.

Nun liegt es an Anne, eine neue Pflegerin zu finden. Eine solche braucht ihr Vater nämlich unbedingt. Denn Anthony hat Demenz. Er vermischt immer wieder Dinge in einem Kopf, erkennt andere Menschen plötzlich nicht mehr und fragt ständig nach seiner zweiten Tochter Lucy, die ihn aber nie besuchen kommt. Wie soll es nur mit Anthony weitergehen?

Das Demenz-Drama The Father wird fast komplett aus der Sicht eines Mannes erzählt, der seinen Verstand nicht mehr trauen kann. So erleben auch die Zuschauer durch die Augen des titelgebenden Vaters immer mal wieder seltsame Momente, die sie zweifeln lassen. Auf diese Weise wird das Gefühlschaos des Protagonisten spürbar gemacht, und dank der genialen Performance von Anthony Hopkins geht man dabei richtig mit. Erstklassiges Schauspielkino!

Beim Genre des Mindfucks wird gerne mit unzuverlässigen Erzählern gearbeitet. Dabei folgen wir einer im Zentrum stehenden Person, müssen jedoch irgendwann erkennen, dass diese nicht sehr glaubwürdig ist und wir alles in Frage stellen müssen, was sie sagt und tut. Ein bekanntes Beispiel ist Memento, wo Guy Pearces Leonard mit Hilfe von Notizzetteln und Tattoos zu erinnern versucht, warum er etwas tut. Ob das aber der Wahrheit entspricht? Wir könnten noch weitere Beispiele aufzählen, doch würde man bei der Nennung von anderen Filmen schnell in die Welt der Spoiler geraten, da dies mit dem unzuverlässigen Erzähler gerne als Twist in Thrillern verwendet wird. Florian Zeller wendet dies in The Father nun jedoch in einem Drama an. Er stellt auf diese Weise Demenz dar, wobei sich die Frage aufdrängt, weshalb dieser eigentlich simple wie geniale Kniff nicht schon des Öfteren angewendet wurde.

Solche Demenz-Dramen werden nämlich meist aus der Sicht der besorgten Verwandten und/oder des Pflegepersonals erzählt. Bei The Father sehen wir jedoch den Grossteil des Filmes aus der Sicht des titelgebenden Vaters, der seinem Verstand nicht mehr trauen kann, dies aber nicht wahrhaben will. So kommt es, dass der Vater wie auch die Zuschauer plötzlich vor neue Tatsachen gestellt werden, die sehr seltsam anmuten. Figuren werden plötzlich von zwei unterschiedlichen Schauspielern verkörpert, es kommt zu Dejà-vus, und wenn in einem Moment gesagt wird, dass es Morgen ist, ist es weniger später plötzlich Zeit für das Abendessen.

Das ist von Zeller äusserst clever gemacht. Er gibt hier sein Filmdebüt und hat dafür sein eigenes, mehrfach preisgekröntes Theaterstück «Le père» adaptiert. In Filmform wurde die Geschichte schon einmal fürs Kino umgesetzt - in Floride wurde mit dem an Demenz erkrankten Vater ein Roadtrip unternommen. The Father spielt sich hingegen fast ausschliesslich in einer Wohnung ab. Zwar erinnern die wenigen Spielorte unweigerlich ans Theater. Doch dank der Inszenierung, mit der Zeller den Zuschauern immer mal wieder den Boden unter den Füssen wegzieht, fällt dies nicht negativ auf.

Was den Film herausragend macht, ist die Leistung von Anthony Hopkins. Wie der Oscarpreisträger die Facetten seines Charakters spielt, ist schlicht brillant: mal charmant, mal böse und dann so spielend, als würde seine Figur wissen, was genau läuft, aber dabei nur ihre eigene Unsicherheit zu kaschieren versuchen. Wer Fälle von Demenz im eigenen Familien- oder Bekanntenkreis miterlebt hat, wird dank Hopkins' präzisem Spiel daran zurückerinnert, wobei seine Performance einem gegen Ende hin fast das Herz bricht.

Doch The Father ist keine reine One-Man-Show. Rufus Sewell, Olivia Williams und besonders Olivia Colman als besorgte Tochter sind ebenfalls grossartig und machen den Film zu einem schauspielerischen Hochgenuss. Auch wenn das Psychodrama in der Mitte mit ein paar wenigen Längen zu kämpfen hat - es ist ja im Grunde genommen klar, was passieren wird -, ist Zellers Debüt nichtsdestotrotz einer der stärkten Filme des Jahres 2020.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 2

swo

Trotz einiger weniger Längen toll geschrieben und inszeniert. Anthony Hopkins hat mir mit seinem Spiel am Ende fast das Herz gebrochen. Da blieb im Kinosaal kaum ein Auge trocken.

crs

Filmkritik: Now ... where was I?

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