Exil (2020)

Exil (2020)

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  2. 121 Minuten

Filmkritik: Der Rattenfänger

16. Zurich Film Festival 2020
Hat der Pöstler mein Zalando-Päckli wieder nicht gebracht?
Hat der Pöstler mein Zalando-Päckli wieder nicht gebracht? © Komplizen Film

Xhafer ist kosovarisch-stämmiger Deutscher und arbeitet in einem grossen Pharmakonzern. Mit seiner deutschen Frau und seinen drei Kindern lebt ein normales, friedliches Leben in der Vorstadt. Seine Vorgesetzten scheinen ihn allerdings nicht besonders zu mögen. Er wird aus dem Mailverteiler ausgelassen und nicht an Firmenausflüge eingeladen. Eines Tages findet er eine tote Ratte an seinem Zauntor.

«Ha gseit söllsch di guet häbä!»
«Ha gseit söllsch di guet häbä!» © Komplizen Film

Er führt dies auf Fremdenhass zurück und sieht sich stets als Opfer. Allerdings ist auch er kein Unschuldslamm: Er betrügt seine Frau mit der Putzkraft der Firma, der er gelegentlich bei Übersetzungsarbeiten hilft. Als er dann vermutet, dass seine Frau ihm ebenfalls nicht treu ist, wird er sauer. Als sich die Rattenvorfälle zu häufen beginnen, ist für ihn der Fall klar: Das ist kein makabrer Scherz der Nachbarskinder, sondern gezieltes Mobbing. Denn nur wenige wissen, dass ihn eine Rattenphobie plagt.

In diesem Film sind alle Charaktere abstossend, ebenso die Kulissen und die Bildgestaltung. Das Tempo ist träge und die aufgeworfenen Fragen werden unbefriedigend bis gar nicht beantwortet. Dennoch hat Exil eine gewisse Faszination. Er kommt ohne langweilige Klischees aus und lässt den Protagonisten, stark gespielt von Mišel Matičević, die Ereignisse potenziell komplett falsch interpretieren. Doch auch diese Frage wird nicht abschliessend beantwortet. So ist der Film keineswegs zugänglich und etwas zu arthousy, aber dennoch ein interessantes Werk, das man sich ansehen kann.

In Exil thematisiert Regisseur Visar Morina den alltäglichen Fremdenhass in Deutschland - oder? Die Hauptfigur Xhafer ist ein unsympathischer Mann, der sich stets als Opfer von Mobbing wegen seiner Herkunft sieht. Doch nicht alles deutet darauf hin. Und nicht alles wird aufgeklärt.

Exil ist kein zugänglicher Film. Er ist sehr schleppend inszeniert, hat einen seltsamen, selten eingesetzten Score und nur verwerfliche Figuren im Kader. Die spärlich mit abstossend gelb-grünlichem Licht beleuchteten Räume wirken nicht gerade einladend. Interessant jedoch ist die Kameraführung. Die «Über die Schulter»-Perspektive vermittelt den Eindruck des Verfolgens - passend zu Xhafers Wahn. Wieso aber alle Figuren dauernd schwitzen, als würden sie sich ausschliesslich in einer finnischen Sauna befinden, wird nie abschliessend geklärt.

Regisseur Morina ist bei diesem Film allgemein mehr an Fragen als an Antworten interessiert. So macht seine Schlussauflösung herzlich wenig Sinn. Andererseits wird dadurch die Handlung in ein neues gelb-grünliches Licht gerückt, denn es suggeriert eine völlige Fehlinterpretation des gesamten Ablaufs von Seiten des Protagonisten.

Dies wird unterstützt von der Entscheidung, nicht auf verbrauchte Klischees in den Charakterzeichnungen zurückzugreifen. Da ist es schade, dass der Film mitten in einer Szene abschliesst. So verbleibt man am Ende mehr verwirrt als etwas anderes zurück. Je länger die Handlung überdacht wird, desto interessanter wird sie. Letztendlich ist der Weg dahin aber zu harzig und zu langfädig, um wirklich einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Nicolas Nater [nna]

Nicolas schreibt seit 2013 für OutNow. Er moderiert seit 2017 zusammen mit Marco Albini den OutCast. Ausser für Geisterbahn-Horrorfilme, überlange Dramen und Souls-Games ist er filmisch wie spielerisch für ziemlich alles zu haben. Ihm wird aber regelmässig vorgeworfen, er hätte nichts gesehen.

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