Enola Holmes (2020)

Enola Holmes (2020)

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  2. 123 Minuten

Filmkritik: Make some noise!

Netflix
Genie mit Brüdern
Genie mit Brüdern © Netflix

England, 1884: Enola Holmes (Millie Bobby Brown) ist die vielleicht grösste Bewunderin des genialen Detektivs Sherlock Holmes (Henry Cavill). Obwohl er ihr grosser Bruder ist, kennt sie ihn kaum, ist er doch wie ihr ältester Bruder Mycroft (Sam Claflin) nach dem Tod des Vaters nach London gezogen, als sie selbst noch ganz klein war. Seitdem wurde sie von ihrer Mutter Eudoria (Helena Bonham Carter) behütet aufgezogen und in Disziplinen wie Literatur, Wissenschaft und Selbstverteidigung unterrichtet.

Was würdest du tun?
Was würdest du tun? © Netflix

Doch als sie 16 Jahre alt ist, verschwindet die Mutter eines Tages plötzlich spurlos. Weil ihre Brüder überzeugt sind, dass die Mutter freiwillig weggegangen ist, wird nicht nach ihr gesucht. Stattdessen will der verstaubte Mycroft, der nun für die kleine Schwester verantwortlich ist, sie so schnell wie möglich in ein Mädchenpensionat abschieben. Die clevere junge Frau lässt sich dies aber nicht gefallen und macht sich auf eigene Faust nach London auf. Unterwegs trifft sie den jungen Viscount Tewkesbury, Marquess von Basilwether (Louis Partridge), der ebenfalls ausgerissen ist und nun von einem mysteriösen Mann verfolgt wird, der ihm an den Kragen will. Und schon hat Enola gleich zwei Kriminalfälle zu lösen.

Braucht es wirklich weitere Sherlock-Holmes-Verfilmungen? Wenn sie so kurzweilig und sympathisch sind wie Enola Holmes, dann muss die Antwort eindeutig Ja lauten. Zu verdanken ist dies insbesondere der bezaubernden Millie Bobby Brown, die das Bild des gefühlskalten genialen Ermittlers durch ihre Darstellung einer selbstbewussten, cleveren Heldin demontiert. Wirkliche Überraschungen bietet das Krimiabenteuer zwar nicht; durch witzige erzählerische und visuelle Einschübe sowie die unerwartet aktuelle politische Thematik ist der jüngste Holmes-Spross jedoch ein gelungenes Update des klassischen Meisterdetektivs.

Sherlock Holmes schafft immer wieder den Sprung von den Buchseiten auf Kinoleinwand respektive Fernsehbildschirm, und seit Sir Arthur Conan Doyles Geschichten um den genialen Ermittler Sherlock Holmes (teilweise) nicht mehr dem Copyright unterliegen, hat diese Frequenz nur zugenommen. So bekamen wir im 21. Jahrhundert mit Benedict Cumberbatch, Robert Downey Jr. und Johnny Lee Miller gleich drei bekannte Gesichter in einer upgedateten Version der ikonischen Rolle zu sehen.

Enola Holmes ist gleichzeitig Hommage und Demontage bisheriger Sherlock-Holmes-Interpretationen. Basierend auf Nancy Springers Jugendbuchreihe «The Enola Holmes Mysteries» (2006-2010), dreht sich der Film um eine (neu erfundene) kleine Schwester des Meisterdetektivs und lässt ihn selbst als Nebenfigur auftreten. In dieser Rolle darf Superman- und Witcher-Darsteller Henry Cavill nicht nur seine Klamotten mal anbehalten, sondern auch richtig nett sein (Fun fact: Autorin Nancy Springer wurde wegen des emotionaleren Sherlocks sogar verklagt, weil ihre Bücher auf dem späteren Sherlock-Geschichten basieren sollen, deren Copyright noch nicht verfallen war).

Auch die clevere junge Heldin widerspricht dem Klischee des emotional kalten Genies, das an der Schwelle des Wahnsinns tanzt und es so gar nicht mit menschlicher Interaktion hat. Enola Holmes ist deshalb weder kopflastiger Rätselkrimi noch episches Actionkino, sondern ein unterhaltsames Jugendkrimiabenteuer in historischem Setting.

Dass diese Kombination funktioniert, ist in erster Linie den Schauspielern zu verdanken, allen voran Stranger Things-Jungstar Millie Bobby Brown, die mit ihrer wunderbaren Performance Actionsequenzen, herzige Rom-Com-Szenen sowie emotionale Dramamomente bestens zu balancieren weiss. So darf sie dem Namen Holmes nicht nur die bitter nötige Menschlichkeit und Emotionalität zurückgeben, sondern als starke junge Frau auftreten und sogar etwas politisch werden. Mit den - häufig nicht explizit erklärten - Forderungen nach gesellschaftlichen Veränderungen bricht der Film eine Lanze für all jene, die bisher politisch benachteiligt waren, darunter natürlich Frauen, und könnte damit im Jahr 2020 kaum aktueller sein.

Interessant ist auch, wie Enolas Abenteuer filmisch inszeniert wurde. Setzte Sherlock auf visuelle Einblendungen, während Guy Ritchies Action-Variante Kampfsequenzen gerne mal zurückdrehte, ist hier eine Art Kombination zu sehen. So wendet sich die Protagonistin wiederholt mit einem Augenzwinkern an uns Zuschauer, werden Gedankengänge durch Einblendungen zeitgenössischer Medien (Dioramen, Illustrationen, Stummfilmtafeln) illustriert, was dem Film immer wieder einen frischen Spin gibt. Diese Holmes-Interpretation darf definitiv wiederkehren!

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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Kommentare Total: 2

pps

Filmkritik: Make some noise!

muri

Gute, flotte, erste Hälfte. Danach fast ein dramatischer Rückgang der Leichtigkeit und des Unterhaltungswerts. Aber aufgrund der ersten knappen Stunde darf man sich gerne dann auch die (wohl schon sicheren) Sequels anschauen.

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