A Perfectly Normal Family - En helt almindelig familie (2020)

A Perfectly Normal Family - En helt almindelig familie (2020)

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  2. 93 Minuten

Filmkritik: Von Thomas zu Agnete

Maniküre auf Mallorca
Maniküre auf Mallorca © Xenix Filmdistribution GmbH

Thomas (Mikkel Boe Følsgaard) hat seiner Familie etwas zu sagen: Er fühlt sich als Frau im Körper eines Mannes und lebt schon lange mit diesem Geheimnis. Nebst einer Scheidung von seiner Frau bedeutet dies auch eine Geschlechtsumwandlung und ein ganz neues Verhältnis zu den beiden Töchtern Emma (Kaya Toft Loholt) und Caroline (Rigmor Ranthe). Während Caroline ihren Vater als Agnete (so ihr gewählter neuer Name) vollends akzeptiert und sofort neue Gemeinsamkeiten sieht, tut sich Emma deutlich schwerer mit der neuen Situation.

In the Schal-oh!
In the Schal-oh! © Xenix Filmdistribution GmbH

Emma möchte es nicht akzeptieren, dass sie ihren Vater verloren hat. Plötzlich interessiert sich Agnete nicht mehr für die Fussballspiele ihrer Tochter und distanziert sich von Emma. Ein Urlaub auf Mallorca soll Tochter und Vater wieder näher zusammenbringen, hat aber eine gegenteilige Wirkung. Die Kluft zwischen Agnete und Emma wird immer grösser und die Elfjährige fühlt sich von ihrem Vater im Stich gelassen. Umso mehr schmerzt es, wie unbeschwert ihre grosse Schwester damit umgeht.

Indem das Transgender-Drama das Thema aus einem etwas anderen Blickwinkel als gewöhnlich betrachtet, entsteht eine spannende Dynamik zwischen den Figuren. Der Fokus liegt nicht auf Agnetes Transition, sondern auf der jüngeren Tochter des transsexuellen Vaters, und so war es ein absoluter Glücksgriff Kaya Toft Loholt in der Rolle der Emma zu casten. Dank ihrer Performance geht A Perfectly Normal Family ans Herz, auch wenn man dafür über einige Schwachstellen hinwegsehen muss.

Geschichten über Transmenschen werden im Kino immer öfter erzählt. Obwohl es toll ist, dass eine dringend nötige Normalisierung stattfindet, regt sich die Community gerechtfertigt darüber auf, dass immer wieder Cis-Menschen wie Eddie Redmayne (The Danish Girl) oder Jared Leto (Dallas Buyers Club) in diese Rolle schlüpfen und darin eine Herausforderung und Chance auf einen Schauspielpreis sehen. So viel zur Normalisierung... Auch Regisseurin Malou Reymann entschied sich beim Casting mit Mikkel Boe Følsgaard (A Royal Affair) für einen Cis-Mann in der Rolle ihres Vaters - der Film basiert auf dem Leben der Regisseurin. Følsgaard spielt die rolle relativ zurückhaltend und überzeugend, doch seine Figur der Agnete ist mit ihren egoistischen Zügen nicht Protagonist der Geschichte. Vielmehr dreht sich alles um Emma (Kaya Toft Loholt), die ihre männliche Bezugsperson von einem Tag auf den anderen verliert. Loholts natürliches Spiel dieser herausfordernden Rolle rührt zu Tränen. Gerade bei ihrem Lied für die ältere Schwester dürfte kein Auge im Kinosaal trocken bleiben.

Dass das gemeinsame Interesse des Fussballs nach der Geschlechtsumwandlung für Agnete plötzlich vom Tisch ist und sie sich lieber mit der älteren Tochter Kleider aussucht und Maniküren auf Mallorca macht, wirkt etwas zu eindimensional. Klar hat diese Figur wohl einiges nachzuholen, doch dass dann so extrem auf Geschlechterklischees zurückgegriffen wird, ist schade. Agnetes Verhalten verursacht oft Kopfschütteln, da sich an ihrer Liebe zu den Kindern ja eigentlich nichts verändert hat und sie ihre eigenen Bedürfnisse immer ins Zentrum stellt. So ist auch das aus einer Fotomontage bestehende Happy End eine bittersüsse Angelegenheit.

Da Regisseurin Reymann 1988 geboren wurde, ist der Film in den Neunzigerjahren angesiedelt. Das Kostümdesign ist detailliert und erinnert glaubhaft an diese Zeit. Falls man es aber vergessen haben sollte, wann der Film spielt, erinnern mehrere Hinweise auf Britney Spears daran. Da ansonsten kaum Popkultur zitiert wird, sind diese besonders auffällig und wirken erzwungen. Ebenso tragen die VHS-Aufnahmen aus der Kindheit Emmas wenig zum Film bei und die «früher war alles anders»-Message wäre auch nach einem solchen Ausschnitt genug deutlich geworden.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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