Poupelle of Chimney Town - Eiga Entotsu Machi no Poupelle (2020)

Poupelle of Chimney Town - Eiga Entotsu Machi no Poupelle (2020)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Nicht nur Schall und Rauch

19. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2021
«Herrliche Aussicht von hier oben. Wenn nur dieser Nebel nicht wäre...»
«Herrliche Aussicht von hier oben. Wenn nur dieser Nebel nicht wäre...» © Yūsuke Hirota

Chimney Town besteht primär aus riesigen Kaminen, die den lieben langen Tag eine dichte Nebel-Rauch-Wolke produzieren. Sonnenlicht oder den Himmel haben die Bewohnenden der Stadt noch nie gesehen, sie leben einen tristen Alltag unter dem Wolkendeckel in einer komplett durch die Industrie und die Inquisitoren dominierten Gesellschaft. Der Aussenseiter Lubicchi vertreibt sich den Tag als Kaminfeger und glaubt fest daran, dass über diesen Wolken ein Himmel mit Sternen liegt. Das hat ihm nämlich sein verstorbener Vater immer erzählt.

Eines Tages trifft Lubicchi auf eine Gestalt, die komplett aus Müll zu bestehen scheint. Er freundet sich mit ihr an und nennt sie liebevoll Poupelle Halloween. Poupelle scheint den Inquisitoren schnell ein Dorn im Auge zu sein, weshalb er sie vor der mächtigen Staatsbrigade inklusive deren Suchtrupps verstecken muss. Die beiden haben es sich in den Kopf gesetzt, der Wahrheit über das Leben ausserhalb von Chimney Town und dessen Nebelschwaden auf den Grund zu gehen. Ist doch mehr an den Sagen von Bruno dran? Und wie kommt es, dass Poupelle, von den Menschen als Monster verschrien, auf Lubicchi eine solche Anziehungskraft ausübt? Wer genau ist Poupelle?

Die Bilderbuch-Animation Poupelle of Chimney Town von Akihiro Nishino erzeugt eine bedrückend-dystopische Atmosphäre, die bildgewaltig dargestellt wird und auch einige Game-Referenzen enthält. Dabei weiss die erstaunlich tiefgründige Geschichte mit tollen Charakteren zu gefallen, welche sich mutig den gegebenen Umständen stellen und stets an das Unmögliche glauben: Es muss eine Welt jenseits der Kamine in Chimney Town geben!

Poupelle of Chimney Town ist die filmische Umsetzung des 2016 erschienenen Bestseller-Kinderbuches des Stand-up-Comedians Akihiro Nishino. Bei der Verfilmung ist Nishino gleich selbst in die Rolle des Drehbuchautors und des Produzenten geschlüpft. Wie das mit viel Liebe zum Detail gestaltete Bilderbuch, erzeugt auch dessen Verfilmung eine unglaublich dichte Atmosphäre.

Die Welt, in der sich die Geschichte um den jungen Kaminfeger Lubicchi abspielt, ist ein trostloser Ort geworden. Die Natur ist der Industrie gewichen, beinahe postapokalyptisch mutet die Szenerie an, mit tausenden schlotenden Kaminen, welche dicke Rauch- und Russschwaden in den Himmel ziehen lassen. In diesem industriellen Zeitalter, dessen Entstehung im Verlaufe des Filmes aufgelöst wird, besteht der Mythos einer «Welt da draussen», einer traumhaften Fantasie Lubicchis, an die ausser ihm kaum noch jemand zu glauben scheint. Genau dieser Zauber und der unbedingte Wille des Jungen, allen beweisen zu wollen, dass es nicht bloss ein Produkt seiner Einbildung ist, erzeugt die Magie von Poupelle of Chimney Town.

Das Storytelling überrascht mit der einen oder anderen Wendung, Offenbarung und einer tollen Konstellation der Charaktere. Die Begegnung und anschliessend daraus entstehende Freundschaft zwischen Poupelle - wahrscheinlich eine Abwandlung des französischen «poubelle» für Abfalleimer - und Lubicchi ist herzig und tiefgründiger als anfänglich angenommen. Der Film weiss zudem auch durch seine Animation zu gefallen, bei der die Cel-Shading-Methode angewendet wurde. Dabei werden digitale 3D-Modelle in der Optik eines handgezeichneten Comics umgesetzt. Die Steampunk/Industrie-Umsetzung ist äusserst detailreich ausgearbeitet, beinahe jedes Frame könnte als Wimmelbild betrachtet werden.

Ebenso kommen einige interessante Referenzen und Kameraperspektiven zum Einsatz. In einer Szene durchläuft Lubicchi die Welt im Stile eines Arcade-Donkey-Kong-Spiels in 2D, in einer anderen wird ein klassisches Rummelmarkt-Spiel inszeniert («Whac-a-mole»). Schnell wechselnde «Kameraperspektiven» und wilde Kamerafahrten (in der Mine erinnern diese stark an das Jump-n-Run-Handygame «Temple Run») kommen nicht zu kurz und verursachen beinahe Schwindelgefühle beim Publikum. Zwischenzeitlich werden im Film sogar musikalische Sequenzen eingelegt, Poupelle of Chimney Town wird dann beinahe zum Musical, inklusive einer Anlehnung an Nightmare before Christmas.

Poupelle of Chimney Town ist somit ein durchaus gelungener, optisch ansprechender Animationsfilm mit ordentlich Kritik am gesellschaftlichen Umgang mit der Umwelt, Tiefgang und Emotionen für die ganze Familie.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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