Eden für jeden (2020)

Eden für jeden (2020)

Filmkritik: Das Leben ist ein Schrebergarten

16. Zurich Film Festival 2020
Rütlischwur im Schrebergarten
Rütlischwur im Schrebergarten © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Studentin Nelly (Steffi Friis) kümmert sich in der gemeinsamen Wohnung um ihre Oma Rosemarie (Heidi Diggelmann), die im Frühstadium von Demenz immer mehr Selbständigkeit einbüsst. Neben ihrem Studium jobbt sie als Busfahrerin, wo sie auf den unkonventionellen Musiker Paolo Cesar (Marc Sway) trifft. Nelly verliert ihre Oma einen Moment aus den Augen und findet sie nicht mehr. Bald stellt sich heraus, dass sie in ihrem geliebten Schrebergarten gelandet ist. Nelly ist mässig begeistert, denn nebenan gärtnert die Tante mit ihrem Mann. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren gestorben und seither meidet sie ihre Familie.

"Saúde!"
"Saúde!" © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Oma Rosemarie fühlt sich im Garten sofort besser. Der mühsame Präsident des Schrebergartens (Pablo Aguilar) legt seinen Gärtnern gerne Steine in den Weg, aber es gibt auch sympathische Mitgärtner wie Paolo Cesar oder die Kosovaren. Nelly öffnet sich langsam ihrer Tante und ihrem Mann gegenüber, die es gut mit ihr meinen. Als Nelly und Rosemarie es wagen, in ihrer Schrebergartenhütte zu übernachten, ist beim Präsidenten Feuer im Dach. Paolo Cesar unterstützt sie, denn er ist ganz unbemerkt bereits in seinem Gartenhüttchen eingezogen.

Der Film legt sofort los und legt seinen Schwung nie ab. In einem Schrebergarten passiert eigentlich nicht viel, aber trotzdem bleibt man als Zuschauer stets neugierig. Rolf Lyssy hat eine leichtfüssige Komödie aus dem Hut gezaubert, die richtig Spass macht. Newcomerin Steffi Friis zeigt, dass sie auch die grosse Leinwand stemmt.

Der Schweizer Film darf ganz ungeniert mit den richtig Grossen mitreden und muss sich überhaupt nicht verstecken. Eden für jeden zeigt eindrücklich, dass der relativ tiefe internationale Bekanntheitsgrad des hiesigen Filmschaffens nicht am Inhalt liegt, sondern an der Reichweite. Der spielerische und facettenreiche Dialog auf Schweizerdeutsch liesse sich schlicht und einfach nur schwer in eine andere Sprachfassung synchronisieren. Eden für jeden war ursprünglich als Fernsehfilm geplant, und es ist ein Glück, dass der Film das Upgrade ins Kino geshafft hat. Der gewandte Dialog und der leichtfüssige Rhythmus der Regie schaffen das Gerüst für dieses Werk.

Das Ensemble der Schauspieler funktioniert prächtig und haucht dem Film audiovisuelles Leben ein. Steffi Friis hat ihre erste grosse Hauptrolle in einem Kinofilm und spielt ihre Figur mit einer unglaublichen Präsenz. In keinem Moment fällt den Zuschauern auf, dass sie Newcomerin ist. Am Anfang spielt sie sympathisch und resolut, aber ein bisschen beiläufig und gibt ihrer Figur mit jeder Minute immer mehr Tiefgang, bis sie wirklich gross wirkt.

Quereinsteiger Marc Sway liegt einen sehr guten Start hin und kann auch mit seiner Kernkompetenz brillieren, dem Singen und Musizieren. Pablo Aguilar spielt den pedantischen Schrebergartenpräsidenten mit viel Freude und Witz. Er spielt mit dem Kontrast eines Südländers, der auf kleinlichen Regeln besteht. Die Zuschauer nehmen ihm den Italiener ab, obwohl der Schauspieler ursprünglich aus Argentinien kommt. Heidi Diggelmann muss mit ihrer Figur von Oma Rosemarie, die Demenz im Frühstadium hat, eine tragikomische Gratwanderung hinlegen, was ihr jedoch prächtig gelingt.

Fiamma Camesi hat als First Lady des Schrebergartens, die eine intrigante Schnepfe ist, hingegen eine undankbare Rolle. Sie nervt die ganze Zeit ungemein, was zeigt, dass sie ihre Rolle sehr gut spielt. Solche Menschen gibt es, und Nellys Umgang ihr gegenüber ist umso schöner, denn mit gewandtem und diplomatischem Umgang hält sie den Ball tief und zeigt, dass sie auch mit ihr klarkommen kann. Das gibt den Zuschauern etwas auf ihren eigenen Lebensweg mit, und so leistet auch Fiamma Camesi für den Film einen sehr wichtigen Beitrag.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

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