The Duke (2020)

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  2. 96 Minuten

Filmkritik: Der Robin Hood aus der Arbeiterklasse

77. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2020
Serafe-Gebühre zahled mir sicher nöd!
Serafe-Gebühre zahled mir sicher nöd! © Studio / Produzent

Newcastle, 1961. Das alte Schlitzohr Kempton Bunton (Jim Broadbent) weigert sich, die Fernsehgebühren für die BBC zu bezahlen. Weil er seine Kanäle über einen unabhängigen kommerziellen Anbieter bezieht, empfängt er den öffentlichen Staatssender gar nicht. Unabhängig davon ist der sechzigjährige Taxifahrer der Meinung, die Rentner aus dem Vereinigten Königreich sollten von den Gebühren befreit werden. Für seine Gesetzeswidrigkeit muss er eine kurze Haftstrafe absitzen. Seine Frau Dorothy (Helen Mirren) ist es sich mittlerweile gewohnt, dass ihr Mann in Schwierigkeiten gerät, aber dennoch macht sie sich Sorgen. Kempton geht nun sogar mit seinem Sohn Jackie (Fionn Whitehead) auf die Strasse, um zu protestieren: Free-TV für die Pensionierten!

Als Kempton und Dorothy erfahren, dass Londons National Gallery zusammen mit der Regierung Francisco Goyas Porträt des Herzogs von Wellington für eine horrende Geldsumme einkaufen, sind sie empört. Nur wenige Tage darauf wird das wertvolle Kunstobjekt gestohlen. Die Behörden vermuten, dass das organisierte Verbrechen dahintersteckt. Mit einem alten Mann aus der Arbeiterklasse, der ganz eigene Ziele verfolgt, haben sie definitiv nicht gerechnet.

Diese typisch britische Komödie ist eine kleine Sensation: Roger Michells Film basiert auf den wahren Begebenheiten eines der spektakulärsten Diebstähle aller Zeiten. Die Hauptfigur dieser Geschichte, grandios verkörpert von Jim Broadbent, ist ein Held aus der Arbeiterklasse, ein echter Robin Hood. Mit dem Gemeinschaftsgedanken, dem Optimismus und dem Aktivismus dieses Helden vermittelt der Film starke Werte und zeichnet sich so nicht nur durch Humor, sondern auch durch Warmherzigkeit aus.

Dass diese unglaublich verrückte Geschichte erst jetzt verfilmt wurde, grenzt schon beinahe an ein Wunder. Dies liegt wohl auch daran, dass die komplette Wahrheit erst fünfzig Jahre später an die Öffentlichkeit gelangte. Und natürlich hatte die britische Regierung auch die Absicht, diese Tatsachen so gut wie möglich geheim zu halten. Schliesslich wurde sie von einem einfachen alten Mann aus der Arbeiterklasse hinters Licht geführt - und nicht von einer internationalen Verbrecherorganisation. Ein Jahr zuvor kam es im Louvre in Paris übrigens zu einem Grossraub, was die Behörden dazu brachte, eine Verbindung mit dem Diebstahl in der National Gallery zu vermuten.

Mit der Verfilmung dieses Ereignisses ist dem südafrikanischen Regisseur Roger Michell (Hyde Park on Hudson, Blackbird) ein wahrer Coup gelungen, der seine Zuschauer mitten ins Herz trifft. The Duke ist von der ersten bis zur letzten Sekunde unterhaltsam, berührend und witzig. Insbesondere das Finale des Filmes, welches sich im Gerichtssaal zuträgt, ist emotional aufgeladen und formidabel inszeniert. Dass einige Szenen eindeutig mit zusätzlichen fiktiven Elementen ausgestattet wurden, um die Erzählung etwas aufzupeppen, sei dem Film verziehen.

Mit Jim Broadbent und Helen Mirren ist der The Duke zudem grossartig besetzt. Die beiden Oldtimer des britischen Kinos ergänzen sich super als fürsorgliches und liebevolles, aber auch immer wieder streitendes Paar. Denn während die Hauptfigur Kempton Bunton regelmässig in Schwierigkeiten gerät, versucht seine Frau ihn stets zu bändigen und zurechtzuweisen. Doch Kemptons sturer Kopf und unbändiger Wille, seine Ziele zu erreichen, setzt er letztendlich zum Wohle der Gesellschaft ein. Und wenn er dafür das Gesetz brechen und in Haft gehen muss, nimmt er dies in Kauf. Kempton Bunton ist ein wahrer Held, ein Robin Hood aus der Arbeiterklasse.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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