Le discours (2020)

Le discours (2020)

  1. 87 Minuten

Filmkritik: We all go a little mad sometimes

... und zum Dessert gibt es eine Extraportion Stress.
... und zum Dessert gibt es eine Extraportion Stress. © Filmcoopi

Seit seine Freundin Sophia (Sara Giraudeau) vor 38 Tagen eine Beziehungspause verordnet hat, ist Adrien (Benjamin Lavernhe) mit seinen Nerven am Ende. Besonders stört es ihn, dass Sophia ihn nie kontaktiert. Hat sie sich vielleicht einen anderen Mann angelacht? Direkt fragen kann er sie ja schlecht und er möchte ihr ja auch den Platz geben, den sie unbedingt mit dieser Pause wollte.

Latin Lover - nur original mit Gitarre!
Latin Lover - nur original mit Gitarre! © Filmcoopi

Wenige Stunden vor einem Abendessen mit seinen Eltern, seiner Schwester und ihrem Verlobten hält es Adrien dann nicht mehr aus. Bevor ihn die anhaltende Funkstille völlig wahnsinnig macht, schickt er Sophia eine simple Textmessage. Das hätte er jedoch besser nicht gemacht. Denn als sie nicht zurückschreibt, beginnt sich Adrien wieder alles Mögliche auszumalen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, wird er von seinem zukünftigen Schwager gefragt, ob er bei der bevorstehenden Hochzeit nicht eine Rede halten möchte. Von jetzt an wechseln sich in Adriens Kopf die Worst-Case-Szenarios in Bezug auf Sophia und die Hochzeitsrede ab.

In der französisichen Komödie Le Discours sehen wir einem Mann während über 80 Minuten dabei zu, wie er sich selbst mit seinen Gedankengängen wahnsinnig macht. Das ist zwar nicht immer leicht anzuschauen, aber oftmals verdammt komisch, wenn wir sehen, was Protagonist Adrien sich so vorstellt, was im schlimmsten Fall alles passieren könnte. Ein überaus menschlicher Film mit einigen Situationen, die einem angenehm oder auch unangenehm bekannt vorkommen könnten.

Wir alle waren wohl schon in einer solchen Situation: Auch wenn vieles gut zu laufen scheint, macht uns unser Hinterstübchen mit ausgemalten Worst-Case-Szenarios regelmässig die mentale Hölle heiss. Da können wir uns noch so locker mit unseren Messages und unserem Verhalten geben oder aus einer Tasse mit der Aufschrift «Serial Chiller» trinken: Wenn es im Kopf brennt, dann brennt es deftig. Einen totalen Flächenbrand gibt es zu betrachten in Le Discours, einer Neurotiker-Komödie aus Frankreich, die für das Cannes-Filmfestival 2020 selektioniert wurde, das dann aber wegen der Pandemie nicht stattfinden konnte.

Es fällt aber zwischendurch schon schwer, diesen von Benjamin Lavernhe gespielten Neurotiker zu mögen. Erkennen wir uns vielleicht in ihm wieder und dieser Blick in den Spiegel tut ein bisschen weh? Das kann jede und jeder für sich beantworten, aber gute Comedy darf auch immer etwas weh tun - und Le Discours ist wirklich eine gute, weil menschliche Comedy mit einigen herzhaften Lachern.

Es werden verschiedene Arten von Witz durchgespielt. Es gibt viele visuelle Jokes, bei denen wirklich beeindruckend ist, welcher Aufwand für einige Lacher betrieben wurde - in einer Szene wird für wenige Sekunden Spielzeit ein ganzes Simultanübersetzungsbüro in einem Wohnzimmer aufgebaut -, Cringe-Comedy, bei denen den Zuschauer ein «nein, tu's nicht» über die Lippen rutscht, was dann jedoch durch Fourth-Wall-Breaks, in denen sich Adrien direkt ans Kinopublikum wendet, wieder etwas entschärft wird.

Obwohl Adrien dabei fast den ganzen Film hindurch physisch an einen Tisch gekettet ist, bricht der Film aufgrund der ausgemalten Worst-Case-Szenarios oder peinlichen Erlebnissen in seiner Vergangenheit immer wieder aus. Das erinnert zuweilen an die Cut-Away-Gags aus Family Guy. Zwar ist nicht jeder Schuss ein Treffer, doch wird so das Tempo hochgehalten, sodass die ohnehin schon sehr kurzen 87 Minuten noch schneller vergehen.

Dieser Film kann zwar durchaus einen selbst halb wahnsinnig machen, aber wie sagte Anthony Perkins in Psycho so schön: «We all go a little mad sometimes». Und solange wir niemanden in einer Dusche niederstechen, ist das völlig in Ordnung. Ein bisschen Wahnsinn gehört zum Menschschein dazu - und darüber darf und soll man auch herzhaft lachen können. Le Discours bietet die ideale Gelegenheit dazu.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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