Dinner in America (2020)

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  2. 106 Minuten

Filmkritik: Punkrock Dynamite

NIFFF 2020
Patty & Simon
Patty & Simon © NIFFF

Simon (Kyle Gallner) ist ein Vollblut-Punkrocker und der anonyme Leadsänger einer berühmten lokalen Band. Er wird wegen seiner aggressiven Art oft missverstanden und zu Hause ist er längst nicht mehr willkommen. Weil er beinahe ein ganzes Haus angezündet hat, sind sogar die Gesetzeshüter hinter ihm her und haben ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Aus diesem Grund sucht Simon Unterschlupf und eine warme Mahlzeit, wo ist ihm eigentlich egal.

Patty (Emily Skeggs) ist eine junge Frau. Sie ist ein wenig anders als die anderen, weshalb sie meist alleine durch die Welt geht. Patty arbeitet in einem Petstore und liebt Punkrock, vor allem die Band von Simon. Als die beiden durch einen Zufall aufeinander treffen, merkt Patty aber nicht, dass Simon der Sänger ist, an den sie heimlich schmutzige Bilder und Briefe geschickt hat. Dennoch werden die beiden ein Team, das versucht, es mit der Welt da draussen aufzunehmen.

Adam Rehmeiers comichafte Punkrock-Romanze Dinner in America ist voll mit Anarcho-Witz und Awkward-Moments. Ein wilder und feuriger Ritt, der am Anfang anstrengend ist und einige Zuschauer mit seiner Ausdrucksweise vor den Kopf stossen wird. Die Story bröckelt zwar zwischendurch ein wenig, die Eigenartigkeit der Figuren löst zuweilen etwas Verwirrung aus und die Energie, die hinter dem Projekt steckt, wirkt manchmal übermütig und übermotiviert. Trotzdem ist der Film genauso wie seine Hauptfiguren einfach sympathisch und aufregend.

Adam Rehmeiers Debüt, The Bunny Game, hat bereits vor seiner Erscheinung im Internet heisse Diskussionen ausgelöst. Wegen seiner realen Gewaltszenen wurde das Torture-Porn-Experiment in England gar verboten. Die Aufregung war der Schocker letztendlich aber überhaupt nicht wert. Deswegen ist es umso erstaunlicher, dass Rehmeier mit seinem neusten Werk Dinner in America gleich mit einem namhaften Cast aufkreuzt.

Die Aussenseiter-Tragikomödie mit Punk-Attitüde hat mit Kyle Gallner (American Sniper) als Simon und Emily Skeggs (The Miseducation of Cameron Post) als Patty zwei unwiderstehliche Haupt- und dazu lauter kleine, stark besetzte Nebenfiguren. Pat Healy (Compliance), Mary Lynn Rajskub (24) und Griffin Gluck (Why Him?) als Eltern und Bruder von Patty zum Beispiel sind in ihrer Weirdness kaum zu überbieten.

Weirdness ist ein gutes Stichwort bei Dinner in America. Der Film macht es den Zuschauern gerade zu Beginn nämlich alles andere als einfach, sich auf ihn einzulassen. Dies vor allem darum, weil man glaubt zu verstehen, was für eine Art Film man gerade sieht. Die ordinäre Sprache und die rassistischen und homophoben Beleidigungen wirken aufgesetzt polarisierend, so als wollte Rehmeier im Stile seines Vorgängerwerkes nun mit Worten um sich schlagen. Ausserdem braucht die abgeschmackte, punkig-comichafte Independent-Optik etwas Eingewöhnungszeit. Die Tragikomödie hinterlässt in der ersten Viertelstunde den Eindruck, plakativ unanständig zu sein. Glücklicherweise ändert sich das mit dem Aufeinandertreffen der beiden zentralen Figuren.

Die Beziehung zwischen Simon und Patty beginnt eigenartig und einseitig. Je mehr die beiden sich unterhalten, desto mehr erfahren die Zuschauer über sie, und Rehmeier enthüllt dabei früh, aber gerade rechtzeitig eine Wendung, die dem Film viel von seiner anfänglichen Verbissenheit nimmt. Die darauf folgenden Abenteuer, die gegenseitige Unterstützung, die Punk-Rock-Lovestory, der laute, schroffe Soundtrack von Napoleon Dynamite-Komponist John Swihart und grandiosen Originalsong mit Ohrwurmgarantie verwandeln Dinner in America in eine Ode an den Punk und in eine kleine Geschichte mit einem grossen Herzen. Genauso wie der Film selbst, der oftmals politisch inkorrekt, unverschämt und schlicht daneben, aber dennoch aufregend ist, ist auch Simon am Schluss ein schon fast sympathischer Antiheld.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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