The Dilemma of Desire (2020)

The Dilemma of Desire (2020)

  1. 108 Minuten

Filmkritik: A giant leap for womankind

17. Zurich Film Festival 2021
Farbe bekennen!
Farbe bekennen! © Zurich Film Festival

Es sei schon erstaunlich, dass sie nicht gewusst hatte, wie ihre eigener Körper aussah, meint Stacey Dutton. Die Biologin habe dann gegoogelt und sei verblüfft gewesen, wie ihre Klitoris angeblich aussähe. Dass so etwas schon viel früher klar sei, dafür setzt sich die Konzeptkünstlerin Sophia Wallace ein. Sie gibt der Klitoris nicht nur in allen Farben und Formen Ausdruck, sondern setzt sich auch mit dem neuen Begriff der Cliteracy dafür ein, dass die Gesellschaft den weiblichen Schwellkörper endlich angemessen behandelt.

Tatsächlich wurde dem Kitzler lange keine Beachtung geschenkt; erst 1998 wurde er zum ersten Mal ganz aus einem Körper extrahiert. Weil die sexuelle Aufklärung bislang eine Männerdomäne war - dem Penis und dessen Lustfunktion wird dementsprechend auch bedeutend mehr Platz eingeräumt -, sehen auch die Psychologin Lisa Diamond und die Designerin Ti Chang dringenden Handlungsbedarf. Sie alle wollen die Klitoris ins kollektive Bewusstsein rücken. Denn mit der damit verbundenen Freude komme auch mehr Freiheit.

Inmitten von unzähligen Klitoris-Abbildungen wird einem bislang völlig vernachlässigten weiblichen Sexualorgan nachgespürt und als Symbol von der weiblichen (sexuellen) Emanzipation verhandelt. So stark die Kernbotschaft dieser Dokumentation herüberkommt, so sehr lenken erzählerische Schwächen von allem drum herum ab.

Wer eine Abhandlung über die Klitoris als solche erwartet, muss auf einen anderen Film vertröstet werden. Zwar gibt es eine kurze Einführung in die Geschichte des Lustorgans, aber über weite Strecken wird es vielmehr als Symbol für «female pleasure» und sexuelle Emanzipation gesehen. So geht es denn auch um verschiedene Formen der restriktiven Erziehung und deren verheerende Auswirkungen auf die weibliche Lebens- und Liebeslust.

The Dilemma of Desire kann gut als Ergänzung zu Sexplanation geschaut werden, der sich ebenfalls für eine offene Pleasure-Kultur einsetzt. Während jener (mit einer mitunter fast schon naiven Unbefangenheit) den Dialog auch mit sehr konservativ Denkenden sucht, wird hier wiederum aufgezeigt, welche Hindernisse es zu überwinden gibt, um sich vom gesellschaftlichen Druck zu befreien.

So ist der Titel dann auch etwas irritierend, denn von Dilemma, zumindest im Sinne einer «Klemme», ist hier keine Spur. Die Frauen tragen die klitorale Botschaft selbstbewusst und überzeugend hinaus. Dass der Film damit auch mehr einen soziopolitischen Akt darstellt - nämlich offensiv die Klitoris in die Sprache zu bringen -, denn neuartige Erkenntnisse zutage fördert, passt da durchaus in das Konzept.

Die Ungeduld, dass endlich der endgültig lustvolle Befreiungsschlag von dem männlichen Sexualnarrativ gelingt, ist stets spürbar. Sehr lebendig, aber letztendlich eben auch hastig und mit einer etwas unklaren Struktur wird dieses Manifest erzählt, in dem man sich schnell einmal nicht mehr zurechtfindet. Auch die teilweise stark zusammengeschnipselten Quotes erschweren das Zuhören.

Was man aber immer hört, ist der Appell an die Frauen, Autonomie über ihren Körper zu erlangen und zu bewahren. «Own your clit!», lautet die Ermutigung an Frau, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn sie auch versucht hätten, die Männer etwas mehr anzuleiten, als einfach nur anzuklagen. Aber vielleicht ist es ohnehin besser, sie nicht gerade voll mit an Bord zu nehmen; die haben ja wortwörtlich lange genug einfach nur herumgewurstelt.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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