Sheltered - Dierbaren (2020)

Sheltered - Dierbaren (2020)

Filmkritik: Des Menschen bester Freund

52. Visions du Réel 2021
Hat der Hund Angst vor Kindern?
Hat der Hund Angst vor Kindern? © Visions du Réel 2021

Zäune und Gitter soweit das Auge reicht: Dahinter befinden sich kleine, grosse Hunde; weisse, schwarz oder rote Katzen und auch kuschelig aussehende Kaninchen mit riesigen Augen. Im Amsterdamer Tierheim kommen täglich Transporter mit mehreren Käfigen an, in denen sich manchmal die Tiere sogar stapeln. Viele von ihnen sind verschüchtert, einige verletzt und alle desorientiert. Es gibt viele Gründe, wieso sie hierher gebracht werden. Immer läuft es aber darauf hinaus, dass sie auf die eine oder andere Weise von ihren Besitzern im Stich gelassen wurden.

Mops-Training
Mops-Training © Visions du Réel 2021

Beim Tierarzt herrscht Dauerbetrieb. Das eine Kätzchen hat einen Leistenbruch und muss operiert werden, weil ihm die Innereien lose im Bauch hängen, für ein anderes ist schon alles zu spät. An einem Tag steht die Euthanasie von gleich vier Hunden auf dem Plan. Zwischen dem Ausmisten der einzelnen Zellen haben die Tierpfleger immer ein nettes Wort für ihre Schützlinge, vielfach auch eine kleine Streicheleinheit übrig. Für die Gespräche mit den Besuchern, die eins adoptieren wollen, nehmen sich die Angestellten Zeit. Es ist wichtig, dass das ausgesuchte Tier, wirklich in guten Händen ist, damit es nicht nochmals zurückgebracht wird.

Die Niederländerin Saskia Gubbels hat mit ihrem Dokumentarfilm eine Sphäre heutigen Lebens eingefangen, auf den auf diese konzentrierte und eindringliche Weise selten der Fokus gerichtet wurde. Auch wenn der Film formal etwas unsicher wirkt, inhaltlich und emotional entwickelt er von den ersten Minuten an eine Wucht, der sich schwer jemand wird entziehen können. In diesem Mikrokosmos zeigt sich unsere Gesellschaft mit all ihren guten, aber noch mehr mit ihren schlechten, egoistischen, brutalen Eigenschaften.

Sheltered hält uns den Spiegel vor. Die Mehrheit der Tiere, die im Amsterdamer Tierheim ankommen, sind Opfer von Verwahrlosung und Misshandlung. Sie wurden von der Polizei konfisziert, weil man sie über Tage im Büro eingesperrt hatte, während der Besitzer in den Urlaub fuhr, oder sie bei sengender Hitze schutzlos sich selbst überliess. Andere wurden ganz einfach auf der Strasse ausgesetzt, wie eine Hündin, die man mit ihren 25 Welpen aufgefunden hat. Wieder andere sind dort, weil ihre Besitzer gestorben sind oder sie nicht mehr halten können. Wenn die Tierpfleger über die Schicksale der Tiere sprechen, sind sie gefasst, es kann sie nichts mehr schockieren. Glaubt man.

Die Traurigkeit, Enttäuschung und auch Wut, die jedoch vorhanden ist, überträgt sich unweigerlich auf den Zuschauer. Ohnmächtig macht diese Erkenntnis, was Menschen den Tieren bereit sind, anzutun. Einige werden als Statussymbol angeschafft und verlieren diesen Rang wohl irgendwann. Andere werden mit Sicherheit zu leichtfertig angeschafft und erweisen sich dann als Last - gerade wenn man in den Urlaub fahren möchte. Die Tiere wie auch die Menschen, die sich um sie kümmern erhalten in diesem Film wieder eine Würde, die ihnen kurzzeitig abgesprochen wurde.

Der Film erklärt nur wenig, setzt vielmehr auf die Kraft der einzelnen Bilder. Klar wird, dass einige der Menschen, die sich hier um die Tiere kümmern - zu einer grossen Mehrheit offenbar Frauen -, selbst Zurücksetzung oder gar Misshandlung erfahren haben. In ihren Gesten und Worten schwingt viel Empathie mit, genauso wie in jeder Kameraeinstellung. Der Zuschauer blickt in die aufgesperrten Augen der Tiere, sieht durch die grünliche Glasscheibe der Hundezellen und liest dort mit Filzstift aufgeschrieben ihre Namen und einige ihrer wichtigen Eigenschaften. Bei Rufus steht zum Beispiel: «Kann nicht mit anderen Hunden».

Durch Rollenspiele prüfen die Verantwortlichen, vor allem bei den Hunden, ob diese erneut in die Gesellschaft entlassen werden können. Wenn sie sich aggressiv gegenüber Kindern, bestimmten Menschengruppen oder anderen Hunden zeigen, ist das ausgeschlossen - und das bedeutet das Todesurteil. Diese Erkenntnis wird zu einem der Schlüsselmomente des Films. Hat man bis dahin noch keine Träne vergossen, stimmt man spätestens jetzt unweigerlich in die Traurigkeit der einen Pflegerin mit ein.

Der Charakter eines Tieres entwickelt sich im Kontakt mit seinen Haltern und der kann ein Grund sein, weswegen es im Tierheim gelandet ist. Es ist dann auch dieses Verhalten das durch die Gesellschaft mit dem Menschen entstanden ist, das es unmöglich macht, das Tier wieder in menschliche Gesellschaft zu entlassen. Im Gegenteil: Es wird dafür bestraft, eingeschläfert und entsorgt. Diese Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit des Menschen, die sich in einem solchen Prozess zeigen, fasst Sheltered so konzentriert zusammen, dass sie zwangsläufig aufrütteln und sich schmerzhaft in einen reinbohren.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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