Les Deux Alfred (2020)

  1. 92 Minuten

Filmkritik: Motivationssprüche lösen doch nicht jedes Problem

16. Zurich Film Festival 2020
Rebellion mit Kuscheltieren
Rebellion mit Kuscheltieren © Zurich Film Festival

Alexandre (Denis Podalydès) ist arbeitslos, pleite und steht kurz vor der Scheidung. Um seine Ehe zu retten, will er seiner Frau beweisen, dass er in der Lage ist, sich um die beiden gemeinsamen Kinder zu kümmern und gleichzeitig finanziell unabhängig zu sein. Eine andere Wahl hat er ohnehin nicht, denn seine Frau befindet sich auf streng geheimer Atom-U-Boot-Mission und wird die nächsten zwei Monate nicht da sein. So begibt sich Alexandre auf Jobsuche und wird vom hippen und dynamischen Start-up-Unternehmen The Box eingestellt. Die Firmenphilosophie verbietet es den Mitarbeitenden allerdings, Kinder zu haben und verlangt Erreichbarkeit rund um die Uhr. Doch Alexandre erhält unerwartete Unterstützung vom Überlebenskünstler Arcimboldo (Bruno Podalydès), dessen Bekanntschaft er vor kurzem gemacht hat.

Zunächst scheint alles wie am Schnürchen zu klappen. Doch schon ziemlich bald bekommt Alexandre die Tücken des Alltags als alleinerziehende, berufstätige Person zu spüren. Das ständige Versteckspiel, die knallharte Chefin und die ständige Erreichbarkeit bringen ihn an seine Grenzen. Bis ein unbeabsichtigter Versprecher seiner Chefin ihn aufhorchen lässt.

Mit einem Augenzwinkern zeigt Les Deux Alfred den ganz normalen Wahnsinn der modernen Gesellschaft. Satirisch überspitzt bis hin zur völligen Absurdität übt er leise Kritik an einer Arbeitswelt, die immer unmenschlicher wird. Dem Film gelingt es, die Dynamik und den Witz über die gesamte Länge beizubehalten, ohne dabei in den Klamauk abzugleiten.

Les Deux Alfred wartet mit allen Klischees auf, die es über die moderne Arbeitswelt gibt. Im Start-up wird auf Trampolinen gehüpft, es gibt keine festen Arbeitsplätze und nur die neuesten Gadgets werden verwendet. Überall piepst und surrt es, kommuniziert wird nur noch elektronisch und dann auch nur mit Anglizismen und Akronymen, und ständig sitzt man in einem «Conf Call», um die Arbeit zu besprechen, zu der man vor lauter Sitzungen nicht kommt.

Die Kritik ist definitiv nicht neu, wird aber von Regisseur Bruno Podalydès gekonnt unterhaltsam umgesetzt. Da bekommen nicht nur Start-ups ihr Fett weg, sondern auch diverse Liefer- und Fahrdienste sowie unzählige weitere Online-Plattformen. Die Stärke des Films ist es, die diversen Absurditäten nahtlos als Normalität in die Geschichte zu integrieren und trotzdem die Menschlichkeit zu bewahren. Denn je länger der Film dauert, desto deutlicher werden der Leidensdruck der Figuren und die Schwächen der modernen Technologie.

Trotz allem ist Les Deux Alfred nicht pessimistisch, da er jeglichem Zynismus entbehrt. Das lässt Raum für Empathie. Die Figuren werden trotz widriger Umstände nicht entmenschlicht. Sie werden aber auch nicht zu passiven Opfern gemacht, die alles mit sich machen lassen. Stattdessen ist Kreativität und Einfallsreichtum gefragt. Denn wo Verbote sind, gibt es definitiv einen Weg, sie zu umgehen

Originell mag das Thema nicht mehr sein, ebenso wenig die Kritik dazu, doch sie ist immer noch aktuell. Les Deux Alfred punktet mit sympathischen Figuren und witzigen Dialogen, die uns geschickt vor Augen führen, wie schnell man sich in einem Hamsterrad wiederfinden kann. Denn auch wenn uns die Absurdität der modernen Arbeitswelt bewusst ist - entziehen können wir uns ihr nicht.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

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