DAU. Natasha (2020)

DAU. Natasha (2020)

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  2. 146 Minuten

Filmkritik: Ist das Kunst oder können die 12'000 Quadratmeter weg?

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
Apéro
Apéro © Phenomen Film

Die UdSSR unter Stalin: Natasha (Natalia Berezhnaya) und Olga (Olga Shkabarnya) arbeiten in der Kantine eines geheimen sowjetischen Forschungsinstituts. Sie verstehen sich super mit den Kantinengängern und werden sogar von einer Gruppe von Wissenschaftlern unter der Leitung des genialen Blinov (Alexei Blinov) zu einer privaten Party eingeladen. Dort hat Natasha eine Affäre mit Luc Bigé (Luc Bigé), dem französischen Gast der Wissenschaftlergruppe.

Eine Stunde nach dem Apéro
Eine Stunde nach dem Apéro © Phenomen Film

Der Abend geht vorbei und Natasha und Olga finden sich am nächsten Tag wieder in der Kantine ein, in der sie sich nach Feierabend nach Herzenslust (und weit darüber hinaus) besaufen und sich allerlei «Nettigkeiten» an den Kopf werfen. Doch der Spass ist vorbei, als Natasha eines Tages vom Geheimdienst abgeholt wird. Es kommt zu Einschüchterungen und Erniedrigungen durch den Geheimdienstmitarbeiter Vladimir Azhippo (Vladimir Azhippo), welcher Natasha als Informantin rekrutieren will. Für Natasha beginnt eine regelrechte Tortur.

Für das Projekt DAU wurde auf einer riesigen Fläche ein totalitäres System simuliert, in dem Hunderte von Menschen während über zwei Jahren lebten. Aus dem vielen gefilmten Material entstand unter anderem DAU. Natasha. Darin wird zuerst für über eine Stunde wild gefeiert, was aufgrund der wenig sympathischen Figuren schnell mal auf den Wecker geht. Danach wechselt die Szenerie zu einem brutalen Verhör, das noch länger in Erinnerung bleiben wird. Ein schwierig zu empfehlender Film, der jedoch alleine vom Gesamtprojekt her eine ungemeine Faszination ausstrahlt.

DAU: Das Projekt des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovskiy ist fast interessanter als der erste daraus entstandene, an der Berlinale uraufgeführte Film mit dem Titel DAU. Natasha. Im September 2009 wurde im ukrainischen Kharkiv auf dem Gelände eines verlassenen Schwimmbads auf einer Fläche von 12'000 Quadratmetern ein «Institut für Erforschung von Physik und Technologie» errichtet. Darin wurde das totalitäre Sowjetsystem von 1938 bis 1968 simuliert, wobei dann von Oktober 2009 bis November 2011 Hunderte von Laiendarstellern das komplett funktionale Set bewohnten.

Das ungeskriptete Leben wurde dann über die Jahre während zehn grossen Blöcken gefilmt, sodass Khrzhanovskiy und seine Co-Regisseurin Jekaterina Oertel am Ende 700 Stunden an 35mm-Material zur Bearbeitung hatten. Daraus sollen 13 Filme und eine Vielzahl von TV-Serien entstehen. Keine Frage: Dies ist ein faszinierendes Wahnsinnsprojekt. Nach DAU. Natasha fragt man sich jedoch, ob es den grossen Aufwand überhaupt gebraucht hätte.

Denn Khrzhanovskiy und Oertel zeigen in der ersten Hälfte ihres Filmes vor allem ausgelassene Partystimmung. Was hier an alkoholischen Getränken gekippt wird, macht den Kiddies in Mektoub 2 ordentlich Konkurrenz. Nur ist das nicht sonderlich interessant. Wie es besoffene Charaktere lustig haben oder sich Natasha und Olga im Rausch aufs Übelste fertigmachen und sich sogar gegenseitig verprügeln, ist eine seltsame Form der Unterhaltung. Vor allem Protagonistin Natasha wird da mal überhaupt nicht als Sympathieträgerin etabliert.

Einen krassen Wechsel gibt es dann etwa in der Mitte des Filmes. Dann, wenn Natasha dem Geheimdienst ausgeliefert ist und Schauspielerin Natalia Berezhnaya am Set mit Vladimir Azhippo sogar einen echten KGB-Mann gegenüber hat, der genau weiss, was er bei dem Verhör tut. Was in dieser Sequenz passiert, ist harter Tobak und dürfte viele dazu bewegen, den Film abzubrechen. Die Frage ist, ob man solche Dinge überhaupt zeigen muss, um ein Statement über eine Zeit zu machen, in der die eigene Bevölkerung aufs Übelste unterdrückt wurde. Das wäre sicherlich auch mit anderen Mitteln gegangen. Doch hier wird voll draufgehalten. Mit dem körnigen 35mm-Material wirkt das Ganze zudem auch noch sehr klaustrophobisch und verstärkt die unangenehme Grundstimmung zusätzlich. Und der Albtraum ist nicht mal zu Ende: Da dies der erste Film von vielen ist, wurde die Geschichte nicht abgeschlossen. Fortsetzung folgt.

Wegen der gezeigten physischen und psychischen Gewalt ist DAU. Natasha nur schwer zu empfehlen. Mainstream-Gucker sollten auf jeden Fall einen grossen Bogen um den Film machen, da er nicht viel mit der klassischen Form von Unterhaltung zu tun hat. Alle, die das Gesamtprojekt neugierig gemacht hat, können einen Blick riskieren. Ein Projekt und ein erster Film, die zu reden geben.

/ crs