Crock of Gold (2020)

Crock of Gold (2020)

  1. 124 Minuten

Filmkritik: Egal wie voll du bist, Shane ist Völler!

16. Zurich Film Festival 2020
Meine Fresse!
Meine Fresse! © Zurich Film Festival

Die irische Folk-Punk-Band feierte in den 80er- und 90er-Jahren grosse Erfolge und landete 1987 mit «Fairytale of New York» einen Welthit. Ihr Frontsänger Shane MacGowan war für seinen exzessiven Lebensstil berühmt-berüchtigt. Nicht selten war er bei Interviews sternhagelvoll und sein Gebiss musste seinem Lebenswandel schon früh Tribut zollen. Vor seiner grossen Zahnoperation war Shane MacGowan der Albtraum aller Dentalhygieniker und zu seinen besten Zeiten liess er Keith Richards wie ein Chorknabe aussehen. Mit ihrer antibritischen Stimmung war die Band im katholischen Irland besonders beliebt.

Johnny Depp produzierte diesen Dokumentarfilm, der den Werdegang von Shane MacGowan Revue passieren lässt. Sein Lachen ist legendär. Durch seine fehlenden und zu Stummeln reduzierten Zähne erklang einfach nur ein lautes Kratzen. Heute hat Shane MacGowan Zahnprothesen und sitzt im Rollstuhl. Er ist von seinem exzessiven Lebensstil gezeichnet, aber heute ist er entspannt und dankbar. Er hat nichts von seinem Lebenshunger eingebüsst und sein kratzendes Lachen ist geblieben - wie auch seine ungehobelte Ausdrucksweise.

Johnny Depp hat diesen Dokumentarfilm über seinen guten Freund Shane MacGowan produziert. Der kurzweilige Film blickt tief und erklärt auch die politischen Hintergründe in Irland zu der Zeit. Der Zuschauer sieht, wie die Musik der Band The Pogues entstanden ist und wo sie ihre Inspiration herholten. Comicartige Szenen illustrieren teilweise, was Shane MacGowan sagt. Das ist durchaus nützlich, denn auch mit Zahnprothesen spricht MacGowan undeutlich und man muss genau hinhören, um ihn zu verstehen.

Von Anfang an fällt auf, dass Shane MacGowan bei weitem nicht einfach ein Trunkebold ist, sondern eine sehr komplexe Persönlichkeit aufweist. Der Wechsel zwischen Aufnahmen aus dem Archiv und heute zeigt eindrücklich, wie Shane MacGowan auf sein Leben zurückblickt. Auf die Frage seiner Frau, ob er mit seinem Leben zufrieden sei, antwortet er dankbar, dass er Hunger auf mehr hat. Er sitzt dabei im Rollstuhl, hat Mühe sich zu bewegen und sein Gesicht ist von seinem exzessiven Lebensstil gezeichnet.

Er ist ein Mann der Widersprüche, der seine kindliche Naivität bis heute nicht abgelegt hat, was ihn auch menschlich und sympathisch macht. Im Irland seiner Kindheit war jeder Abend eine Weihnachtsfeier gewesen. Er trank nie um des Trinkens willen, sondern um sich zu entspannen. Als er mit The Pogues an einem Konzert von The Clash als Vorgruppe spielte, war es noch früh am Abend und sie waren noch nüchtern. Sie spielten wesentlich besser, aber es habe einfach nicht so viel Spass gemacht.

Johnny Depp begenet ihm im Gespräch in vielerlei Hinsicht auf Augenhöhe. Die Passagen mit Gerry Adams, dem ehemaligen Präsidenten der irischen Partei Sinn Féin, zeigen auch eindrücklich, wie die politische Situation für Irland in den 80er-Jahren aussah. In seiner Kindheit zog die Familie von Shane MacGowan mit ihm nach London. Dort ist er in seiner Jugend auf die schiefe Bahn geraten, nachdem er wegen Drogenbesitzes schon im zweiten Jahr aus der renommierten Westminster School ausgeschlossen worden war. The Pogues sind in der Diaspora von London entstanden und MacGowan ist überzeugt, dass sie niemals denselben Erfolg hätten haben können, wären sie in Irland geblieben.

Der Film beleuchtet auch die Schattenseiten des exzessiven Lebensstils von Shane MacGowan und im Gespräch erzählt er ungeschönt davon. Weggefährten erzählen vom belesenen und intelligenten Shane MacGowan, und Joe Strummer, der damalige Leadsänger von The Clash lobt ihn sogar als einen der feinsten Poeten. Crock of Gold ist ein faszinierendes Porträt über einen Mann voller Widersprüche.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

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