Cortex (2020)

Cortex (2020)

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  2. 96 Minuten

Filmkritik: Träum weiter

16. Zurich Film Festival 2020
Dürfen wir vorstellen: Moritz Bleibtreu, Christopher-Nolan-Fan
Dürfen wir vorstellen: Moritz Bleibtreu, Christopher-Nolan-Fan © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Der Sicherheitsmann Hagen (Moritz Bleibtreu) hat schon länger keine ruhige Nacht mehr im Bett verbracht. Denn er wird seit ein paar Monaten vor besonders heftigen Träumen geplagt, die ihn dermassen fertigmachen, dass er bei Tag Mühe hat, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Mit seiner Frau Karoline (Nadja Uhl) hat er deshalb schon mehrere Experten konsultiert, Besserung ist aber weiterhin nicht in Sicht. Er solle es doch mal mit einem Schlaflabor probieren, meint Karoline. Doch Hagen will davon nichts wissen.

Als Karoline mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) einen Seitensprung hat, wird die Sache für Hagen noch schlimmer. Nun sieht er auch noch Niko in seinen Träumen immer wieder auftauchen. Es scheint so, als wären Hagen und Niko auf irgendeine Art und Weise miteinander verbunden. Oder steht Hagen jetzt definitiv kurz davor, seinen Verstand komplett zu verlieren?

Moritz Bleibtreus Psycho-Thriller Cortex hat einige interessante Ideen, doch schafft es der Regie- und Drebuchdebütant nicht, diese spannend oder packend auf die Leinwand zu bringen. Die Figuren bleiben einem recht egal und die Auflösung mag auch nicht wirklich zu begeistern. Doch was die Bilder und der unheimlichen Atmosphäre angeht, ist dies nichtsdestotrotz ein beeindruckender Erstling.

Nach Jahrzehnten als erfolgreicher Schauspieler (Lola rennt, Der Baader Meinhof Komplex) hat Moritz Bleibtreu sich nun mal hinter die Kamera gewagt. Mit Cortex gibt der geborene Münchner jedoch nicht nur etwa sein Regiedebüt, sondern auch gleich seinen Einstand als Drehbuchautor. Dabei outet sich Bleibtreu ziemlich offensichtlich als grosser Film-Fan. Vor allem die nicht immer leicht zu durchblickenden Filme von Christopher Nolan und David Lynch haben es ihm angetan, wobei auch Einflüsse Quentin Tarantinos auf das Skript festzustellen sind. Die Redewendung, dass zu viele Köche den Brei verderben, wird gerne bei Filmen verwendet, an denen zu viele Autoren am Drehbuch herumgeschrieben haben. Bei Cortex ist es jedoch so, dass zu viele unterschiedliche Inspirationen den Brei verdorben haben.

Eines muss man Bleibtreu jedoch lassen: Inszeniert ist sein Mindfuck schon toll. Mit den düsteren Bildern und einem bedrohlichen Score nimmt er den Zuschauer von Anfang an gleich mal gefangen. Leider gelingt es ihm nicht, diesen bei der Stange zu halten. Dafür ist Cortex über die ganze Spielzeit gesehen dann doch zu wenig packend. Die Figuren bleiben recht oberflächlich und bei den präsentierten Mysterien weiss man jeweils nicht so genau, ob er sie jetzt (wie bei Nolan) zu erklären versucht oder (wie bei Lynch) doch lieber im Dunkeln lassen möchte. Die Auflösung des Ganzen ist schlieslich nicht wirklich clever, sondern recht banal.

Mr. Tarantino erweist Bleibtreu derweil in einer Szene die Ehre, als sich drei Gangster über die Kaffeeart «Americano» unterhalten und wie diese entstanden ist - der «Quarter Pounder with Cheese» lässt grüssen. Nur ist die Kaffee-Sache die einzig solche geführte Allerweltsdiskussion im ganzen Film und liegt so völlig quer im Gesamtkonstrukt. Diese Szene hätte sehr gut entfernt werden können.

Letzen Endes ist Cortex zu ambitioniert. Bleibtreu erwähnt selbst immer wieder gerne Memento und Inception als Inspirationen für sein Regiedebüt. Rein visuell ist das ganz gut geworden. Nur schaffte er es nicht sein sicherlich über mehrere Monate ausgearbeitete Verwirr-Drehbuch so umzusetzen, dass ein Film entsteht, der gleichzeitig spannend und mental fordernd ist. Aber selbst ein Nolan hat ja mit seinem Debüt Following nicht gleich einen Klassiker vorgelegt. So gesehen darf man sicherlich gespannt sein auf Moritz Bleibtreus kommende Regie-Projekte.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 2

Mara1

Einfach in die Traumwelt eintauchen und geniessen. Schauspielerisch Top und unglaublich toll gemacht. Ein düsterer Bildrausch, der musikalisch ganz schön an die Substanz geht. Absolute Empfehlung

crs

Filmkritik: Träum weiter

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