Contra (2020/I)

Contra (2020/I)

Filmkritik: Die Feder ist mächtiger als das Schwert

16. Zurich Film Festival 2020
«Ach komm, Suleika!»
«Ach komm, Suleika!» © Praesens Film

Professor Richard Pohl (Christoph Maria Herbst) tadelt in seiner Vorlesung Studentin Naima Hamid (Nilam Farooq), die zu spät erscheint. Dabei überspannt er mit seiner sarkastischen Art den Bogen und stellt sie mit einer Salve latent rassistischer Sprüche bloss. Ein Student filmt die Szene mit der Handykamera und der Clip landet in den sozialen Medien, wo er sogleich hohe Wellen wirft. Für die Universität ergibt sich daraus ein Imageproblem. Ihr Disziplinarausschuss setzt Professor Pohl daraufhin auf Bewährung und verknurrt ihn dazu, Naima auf einen Debattierwettbewerb vorzubereiten.

«Darf ich bitten?»
«Darf ich bitten?» © Praesens Film

Damit muss Professor Pohl Neuland betreten, denn er ist es überhaupt nicht gewohnt, auf seine sarkastischen Kommentare herausfordernde Antworten zu bekommen. Mit der Zeit taut er auf und es entsteht ein gewitztes Ping-Pong zwischen den beiden. Längst nicht alle Mitstudenten und Quartierfreunde freuen sich über die riesigen Fortschritte von Naima und sie muss sich mit Intrigen und Feindseligkeiten auseinandersetzen.

Das Wort ist die Bühne für diese gewitzte Komödie, in der Studentin Naima (Nilam Farooq) Christoph Maria Herbst als Professor Pohl mit ihrer kecken und schalkhaften Art herausfordert. Das tolle Drehbuch und die schwungvolle Regie sorgen für kurzweiligen Spass mit Tiefgang bis kurz vor Schluss, als der Film ins Schlingern gerät. Es fehlt diesem Remake des französischen Films Le brio nur wenig zum ganz grossen Wurf.

Die Frage nach dem Sinn, eine drei Jahre alte Komödie aus Frankreich ins Deutsche zu adaptieren, erübrigt sich, denn dieser Film macht einfach Spass. Die Rolle des sarkastischen Professors Pohl ist Christoph Maria Herbst auf den Leib geschnitten. Er spielt die Rolle mit so viel Hunger und Freude, dass sein Markenzeichen, der trockene Humor, nur den Ausgangspunkt bildet und er die Rolle mit viel Tiefgang weiterentwickelt.

Nilam Farooq ist die Offenbarung dieser Komödie, denn sie begegnet dem gestandenen Schauspieler Christoph Maria Herbst auf Augenhöhe. Es macht viel Freude ihr zuzusehen, wie sie ihm mit ihrer kecken Nonchalance und augenzwinkerndem Schalk nicht nur rhetorisch dagegenhält, sondern auch mit ihrem sympathischen und direkten Appeal.

Der Dialog befindet sich fast den ganzen Film über auf sehr hohem Niveau. Naima bekommt von Professor Pohl das Rüstzeug, um ihre Argumente zu präsentieren und ihnen den richtigen Nachdruck zu verleihen. Das durchaus heikle Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Recht ist leichtfüssig integriert und bleibt richtigerweise offen. Erst mit der Gelassenheit, spielerisch das richtige Instrument für die richtige Situation auszuwählen wird Naima richtig gut. Wenn Naima und Professor Pohl vor einem Theater Goethe rezitieren, sehen und hören wir gelebte Redekunst.

Im letzten Viertel, wenn das Schlussbouquet kommen sollte, kommt überraschend Sand ins Getriebe und es geht nicht mehr viel. Die Geschichte beginnt zu eiern und verzettelt sich. So ist der Film leider ein bisschen eine Unvollendete. Die grosse Freude an den spielerischen Wortgefechten der Hauptfiguren tröstet aber darüber hinweg.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss, aber er hat diese Zeit genossen. Er liebt die grosse Anzahl an denkwürdigen Filmen, aber drei Leute bilden für ihn das Triumvirat: Sergio Leone, Robert De Niro und Marlon Brando.

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