Cinq Nouvelles du Cerveau (2020)

Cinq Nouvelles du Cerveau (2020)

The Brain
  1. 100 Minuten

Filmkritik: Hirnis bei der Arbeit

56. Solothurner Filmtage 2021
«I. Robot?»
«I. Robot?» © Praesens Film

Aus gut 100 Milliarden Neuronen besteht unser Gehirn. Sein Energieverbrauch: derjenige einer Glühbirne. Wie geht das? Die Forschung steht vor einem Rätsel. Denn obzwar die Technologie sich rasant verbessert, kommt sie nur langsam voran. Vielleicht, weil sie zu etwas Unbeschreiblichem vordringen will: dem Bewusstsein. Dennoch tut sich etwas. Besonders ein wortwörtlicher Meilenstein dürfte allen Neurowissenschaftlern im Gedächtnis haften geblieben sein: als im März 2016 eine Maschine einen der weltbesten Go-Spieler geschlagen hat.

«Eine Scheibe Hirn zum Mitnehmen, bitteschön.»
«Eine Scheibe Hirn zum Mitnehmen, bitteschön.» © Praesens Film

Dafür musste, so ist sich die Forschung weitgehend einig, besagter Google-Algorithmus eine Art Intuition entwickelt haben. Hat sie damit die Maschine-Mensch-Grenze überschritten? Im Schlepptau technischer Neuerungen tauchen meist ethische und weltanschauliche Fragen auf. So fragen sich die Neurowissenschaftler rund um den Globus: «Was ist unser Gehirn überhaupt? Wo hört der Mensch auf und fängt die Maschine an? Ist es angemessen, den Menschen auf Algorithmen zu reduzieren?» Fünf Forscher von Weltrang vollführen hier ein Brainstorming.

Die Dokumentation um die Damen und Herren, die mit dem Streichholz das philosophische Pulverfass ausleuchten, bricht die komplexe Materie sowie vermeintliche Banalitäten gut herunter, kämpft aber aufgrund der Fülle mit dem roten Faden. Für einen Ausflug in die Untiefen des menschlichen Gehirns sind diese Kurzporträts aber durchaus geeignet.

Es blitzt und donnert, als die Neurowissenschaftler beim Kerzenschein über künstliche Hirne diskutieren. Ausserdem wird auch gerne einmal in den klaren Nachthimmel geblickt und die obligaten Höhlenmalereien dürfen freilich nicht fehlen, wenn ein Hauch von Sci-Fi weht. Doch so viel teleologisches Pathos hätte der Film gar nicht nötig gehabt. Denn es ist eine seiner Stärken, dass er mit grösstenteils neutralem und nüchternem Blick die Entwicklungen beschreibt; Nutzen, Risiken und Erkenntniswert der Forschungsergebnisse gleichermassen Raum gibt.

Die Komplexität der Materie, die Laien einzunebeln droht, wird hier sehr gut kondensiert und die Weite des Feldes der Neurowissenschaft zwischen technologischer Wissensvermehrung und philosophischer Horizonterweiterung spürbar gemacht. Die ohne konzis verfolgte Kernfrage aneinandergereihten Porträts der Forschenden verdeutlichen zwar, dass die Spitzenwissenschaftler sich biologisch ganz nahe daran bewegen, was den Mensch im Innersten zusammenhält, psychologisch aber sehr weit weg davon sind. Denn nur dass es gelingt, ein Hirn nachzubilden, heisst nicht, dass wir es verstanden hätten.

Hier beim Bewusstsein, beim «Unbeschreiblichen», gerät der naturwissenschaftliche Materialismus an seine Grenzen. Beim freien Philosophieren am Esstisch geht der Fokus gerne einmal etwas verloren, stattdessen wird die Unwissenheit der Forscher ehrlich offenlegt. Der Film kommt dann vom weitgehend eher trockenen Beschreiben und technischen Illustrieren weg und lässt dem Staunen Raum. Besonders verblüffend-gruselig wirkt dabei die Episode um den kontroversen Forscher Niels Birbaumer, der mit komplett Gelähmten kommuniziert und achselzuckend erwähnt, dass er den Willen direkt manipulieren könne.

Wenngleich diesbezüglich noch Fragezeichen bestehen, wird bei solchen Aussagen das Hirn als Kippfigur zwischen Werkzeug und eigenständigem Organismus besonders greifbar und die zentrale Frage drängt sich noch mehr auf, ob denn nicht auch wir bloss Maschinen seien. Dieser Vorstellung, so sagt Forscher Christof Koch, müssten wir widerstehen. Aus pragmatischer Sicht ist das nachvollziehbar, doch was, wenn die Neurowissenschaften dereinst genau das belegen?

Nun, vielleicht ist es besser, gewisse Fragen unbeantwortet zu lassen. Womöglich drückt sich deshalb auch der Film davor, diese Aussage klar zu begründen. Doch würde sich dann der Mensch als vom Streben nach Neugier und Selbsterkenntnis geprägtes Lebewesen nicht selbst aufgeben? Die Beschäftigung mit dem Hirn hält auf jeden Fall einige reizvolle philosophische Zwickmühlen bereit, die diese Dokumentation bereithält. Sie lässt aber auch durchdringen, dass sich die Gesellschaft mit ethischen Fragen um die Anwendung der Erkenntnisse erst dann beschäftigen soll, wenn die Neugierde der Wissenschaft gestillt wurde. Doch dann wurde die Büchse der Pandora vielleicht bereits geöffnet.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:48