Charter (2020/II)

Charter (2020/II)

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  2. 94 Minuten

Filmkritik: Nicht ohne meine Kinder

16. Zurich Film Festival 2020
Vincent hängt buchstäblich an seiner Mutter Alice
Vincent hängt buchstäblich an seiner Mutter Alice © Zurich Film Festival

Alice (Ane Dahl Torp) lebt in Stockholm und arbeitet da in einem Krankenhaus. Sie hat seit längerem ihre beiden Kinder Elina (Tintin Poggats Sarri) und Vincent (Troy Lundkvist) nicht mehr gesehen. Als ihr kleiner Sohn Vincent sie eines Abends weinend anruft und ihr mitteilt, dass er nicht länger bei seinem Vater bleiben will, reist Alice kurzerhand aus Stockholm zurück in den Norden und versucht Kontakt zu ihren beiden Kindern zu knüpfen.

Mattias (Sverrir Gudnason) versucht dies mit allen Mitteln zu verhindern. Obwohl über das Sorgerecht noch nicht definitiv entschieden worden ist, läuft es darauf hinaus, dass die beiden Kinder auch zukünftig bei Mattias bleiben sollen. Alice merkt, dass Elina und Vincent Angst vor ihrem Vater zu haben scheinen. Sie holt Vincent aus der Schule und Elina vom Schwimmtraining ab und reist mit ihnen nach Teneriffa, mit dem Plan, mit ihnen danach die Zukunft in Norwegen zu verbringen.

Charter ist ein sehr beklemmendes Drama, in dem die Mutter ihre beiden Kinder aus Schweden nach Teneriffa entführt, da sie sich sicher ist, dass das Sorgerecht dem Vater erteilt wird. Im Unterschied zu Filmen mit ähnlichem Thema ist hier nicht klar die eine Elternseite die gute und die andere die schlechte. Man fiebert als Zuschauer mit der Mutter (hervorragend: Ane Dahl Torp) mit, schüttelt aber auch immer wieder mal den Kopf über den Hauptcharakter.

Der erst 34-jährigen schwedischen Regisseurin Amanda Kernell ist mit Charter ein aussergewöhnliches Drama gelungen. Im sehr kleinen Schauspieler-Ensemble ragt zum einen Hauptdarstellerin Ane Dahl Torp als Mutter Alice heraus, die in ihrer Rolle immer mal wieder nahe am Zusammenbruch scheint.

Mindestens ebensogut spielt Tintin Poggats Sarri als ihre 14-jährige Tochter Elina. Die junge Darstellerin spielt in Charter ihre erste grössere Rolle. Wie sie die Wandlung von ihrer anfänglich fast feindseligen Einstellung gegenüber ihrer Mutter hin zum sehr verletzlichen Teenager darstellt, ist aussergewöhnlich. Aber auch bei dieser Wandlung geht der Film einen sehr eigenen Weg.

Charter kann man mit einem Wasserstrudel vergleichen, auf den die Story sehr langsam zufährt. Aber trotz des gemächlichen Tempos suchen die Zuschauer verzweifelt nach einem Ast, an dem man die Fahrt stoppen kann, denn sie scheint unaufhaltsam.

Es ist ein Film über eine sehr unperfekte Mutter, deren gute Absichten aber jederzeit zu erkennen sind. Und es ist ein Film über einen Vater, der rätselhaft scheint. Der Film ist auch darum sehr spannend, weil gleich ab Filmbeginn sehr viel unausgesprochen scheint und man nur vermuten kann, was unter der Oberfläche brodelt.

Der Film hat mit gut 90 Minuten eine perfekte Länge. Bei diesem schwedischen Drama wird man von Minute eins aus der Komfortzone gezogen, und es ist keine Sekunde langweilig.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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