Calamity, une enfance de Martha Jane Cannary (2020)

Calamity, une enfance de Martha Jane Cannary (2020)

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  2. 85 Minuten

Filmkritik: Kleine Heldin im Farbklecksland

18. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2020
«Yeeeeeeehaaaaaaaa!!!!!!!»
«Yeeeeeeehaaaaaaaa!!!!!!!» © Rémi Chayé

1863 ist die 12-jährige Martha Jane Cannary mit ihrer Familie auf einem Planwagen-Treck unterwegs nach Oregon. Im Westen liegt die Hoffnung auf ein neues Leben, und die aufgeweckte Martha Jane freut sich trotz aller Strapazen auf die Herausforderung. Als der Vater verletzt wird, muss sie auf ihre kleinen Geschwister aufpassen, darf als Mädchen aber nicht für Wagen und Pferd sorgen. Weil sie das aber nicht akzeptieren will, bringt sie sich das Reiten und Wagenlenken selbst bei, zieht schliesslich auch Hosen an und schneidet sich die Haare kurz. Von den anderen erntet sie deshalb nur Unverständnis, weshalb man sie «Calamity», «Unglück», nennt.

Eines Tages trifft der Konvoi auf den Armee-Scout Samson, der den weit vom Weg abgekommenen Treck zurück auf Kurs führt. Martha Jane ist begeistert von dem cleveren Mann, der sie nämlich auch als Mädchen ernst nimmt und ihre einige seiner Tricks beibringt. Doch eines Nachts verschwindet Samson und mit ihm eine Menge wertvoller Gegenstände. Weil die anderen Treck-Teilnehmer Martha Jane für seine Komplizin halten, schnappt sie sich ihr Pferd und reitet dem Gauner nach. Eine abenteuerliche Reise durch den Wilden Westen beginnt!

Nach dem wundervollen Nordpolabenteuer Tout en haut du monde bleibt Regisseur Rémi Chayé seinem Thema der starken jungen Heldin in unwirtlicher Umgebung treu und erzählt von den abenteuerlichen Kindheitserlebnissen der Western-Legende Calamity Jane. In wunderschönen Bildern des noch unberührten Westens der USA bietet der Animationsfilm atemberaubende Bilder in fast schon impressionistischer Farbgebung. Highlight ist freilich das freche kleine Mädchen, das sich gegen die sozialen Einschränkungen ihres Geschlechts stemmt und mit grosser Klappe und Cleverness auf kurzweilige Abenteuerreise geht.

Calamity Jane, eigentlich Martha Jane Cannary Burke (1852-1903), gehört zu den legendären Figuren des Wilden Westens, die zu der Legendenbildung auch selbst gehörig beitrug, indem sie ihre eigene Lebensgeschichte immer wieder neu umschrieb und weiter aufbauschte. Um dieser sagenhaften Westernfigur gerecht zu werden, näherte sich das Team um Regisseur Rémi Chayé der Thematik in mehrfacher Weise: Ihrer Kindheit, über die wenig bekannt ist, widmete er sich in Langfilmform, während er die Erlebnisse ihrer Jugend und des jungen Erwachsenenlebens in einer animierten Fernsehserie weiterspinnt, die bereits in Planung ist.

Calamity ist in einem ähnlichen Animationsstil umgesetzt wie Tout en haut du monde, mit Bildern ohne nachgezogene Ränder oder viele Schatten. War Chayés Erstling allerdings noch in kühlen Beige-, Braun- und Weisstönen gehalten, folgt hier der Wechsel ins Farbenfrohe. So leuchten Prärielandschaften, Wälder und vor allem Wolken in knalligen Farbtönen, oftmals in eigentlich unnatürlichem Grün, Pink oder Orange, was allerdings keineswegs stört, sondern dem Ganzen eine wunderbar eindrückliche Stimmung verleiht, die bewusst auf eine gemalte Ästhetik setzt.

Die Geschichte ist an und für sich schnell erzählt, und endet vielleicht auch etwas gar einfach. Als Familienunterhaltung mit Humor und Abenteuerelementen funktioniert das jedoch hervorragend. Indem die tapfere Heldin restriktive Geschlechternormen mutig überschreitet und sich mit Köpfchen auf jede neue Situation einlassen kann, gibt der Film dem Western einen feministischen Spin, ohne auf die Grundpfeiler des Genres zu verzichten. Denn auch hier gibt es atemberaubende Verfolgungsjagden, Begegnungen mit gefährlichen Raubtieren, Überfälle und sogar einen Abstecher ins Goldschürfen. Dem üblichen männlich konnotierten Westerheldentum wird allerdings eine klare Abfuhr erteilt. Girl Power!

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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