La bonne épouse (2020)

La bonne épouse (2020)

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  2. 109 Minuten

Filmkritik: Koch' das Essen, bügle die Hemden und widersprich bloss nicht deinem Ehemann!

16. Zurich Film Festival 2020
Perfektionismus par excellence.
Perfektionismus par excellence. © Filmcoopi

Idyllisch gelegen im ländlichen Elsass, befindet sich die Haushaltsschule von Paulette (Juliette Binoche) und Robert Van der Beck (François Berléand). Hier werden Mädchen zu perfekten Ehefrauen ausgebildet. Von der richtigen Zubereitung eines Hähnchens, über den haushälterischen Umgang mit Geld bis hin zur richtigen Körperhygiene wird den Mädchen alles mitgegeben, was sie für ihr künftiges Leben brauchen. Doch dann verstirbt Robert unerwartet und das geordnete Leben im Institut gerät aus den Fugen.

Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war.
Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. © Filmcoopi

Wie sich nun herausstellt, war Robert massiv verschuldet. Mit einem Mal steht die Frau, die sich jahrelang dafür einsetzte, dass Mädchen sich nur als die Ehefrau eines Mannes wahrnahmen, vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz. Ohne finanzielle Mittel und den Rückhalt ihres Mannes, ist sie gezwungen auf eigenen Beinen zu stehen - und findet gefallen daran. Als sie dann noch zufällig ihrer Jugendliebe André (Édouard Baer) begegnet, ist es um sie geschehen. Rasch werden alte Prinzipien über Bord geworfen und dem Feminismus, der sich langsam, aber sicher, in die alten Gemäuer einschleicht, wird kein Widerstand mehr geboten.

Juliette Binoche brilliert als selbsternannte Hüterin der Sittlichkeit, die plötzlich den Boden unter den Füssen verliert und sich komplett neu erfinden muss. Der Wandel, den ihre Figur durchmacht, ist fein nuanciert und wirkt daher glaubwürdig. Allgemein bietet der Film einen erfrischend und witzigen Blick auf die 1960er und die damals allgegenwärtige Umbruchstimmung. Trotz des etwas befremdlichen Schlusses, ist La bonne épouse unterhaltsam und bietet gut getimte Situationskomik.

In seiner neuesten Komödie thematisiert Regisseur Martin Provost die Emanzipation der Frauen und wie diese allmählich an Fahrt gewinnt. Das Institut als Mikrokosmos spiegelt die Veränderungen, die in der Gesellschaft stattfinden. Die Zeiten ändern sich und die neu eintretenden Schülerinnen sind nicht mehr überzeugt von der Rolle, die die Gesellschaft für sie vorsieht. Plötzlich fallen Begriffe wie «Feminismus», «Freiheit» oder «Selbstbestimmung» und stellen die Schulleiterin vor ganz neue Herausforderungen. Dieser Clash der Generationen wird humorvoll in Szene gesetzt.

Besonders unterhaltsam ist die Figur der Paulette, die mit allen Mitteln versucht Seriosität zu vermitteln. Doch die Verträumtheit der Schwägerin, die gewöhnungsbedürftigen Unterrichtsmethoden von Schwester Marie-Thérèse und das fragwürdige Verhalten ihres eigenen Ehemannes untergraben diese Ernsthaftigkeit immer wieder aufs Neue. Daraus entwickelt sich dann eine fein nuancierte Situationskomik, die Paulette unfreiwillig zur komödiantischen Alleinunterhalterin im Institut werden lässt.

La bonne épouse zeigt auch das Aufeinanderprallen gegensätzlicher Ansichten. Trotz des Fokus auf Paulette und ihrer Situation gewährt der Film kurze Einblicke in die Gedankenwelt der Mädchen, wodurch der Bezug zur Aussenwelt hergestellt wird. Die kleine, abgeschottete Welt des Instituts wird immer durchlässiger, was zum einen den Geschichten der unterschiedlichen Mädchen zu verdanken ist. Zum anderen öffnet sich das Tor zur Aussenwelt mit dem Tod von Paulettes Mann.

Viele Themen, die angeschnitten werden, sind symptomatisch für die 1960er-Jahre und stimmen dennoch nachdenklich. Da werden stellenweise werden Verhaltensweisen der Schülerinnen nicht ernst genommen, wie beispielsweise ein Selbstmordversuch, der als jugendlicher Leichtsinn abgetan wird, dann wird ausserehelicher Sex aufs Schlimmste geahndet - er kommt einer mittleren Katastrophe gleich. Solche kritischen Akzente werden sehr subtil und überlegt gesetzt, wirken aber umso stärker, wenn unmittelbar darauf der Wechsel in Komische erfolgt.

Bis auf den etwas gar befremdlich ausgefallenen Schluss, der nicht richtig zum Rest des Films passen will, überzeugt der Film über weite Strecken mit einem gut aufgelegten Cast, feiner Situationskomik und leiser Kritik.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

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