Beyto (2020)

Beyto (2020)

  1. 98 Minuten

Filmkritik: Unfreiwillige Ménage-à-trois für ein selbstbestimmtes Leben

16. Zurich Film Festival 2020
Liebe, Selbstbestimmung, Freiheit
Liebe, Selbstbestimmung, Freiheit © Frenetic Films

Beyto (Burak Ates) ist der ganze Stolz seiner Eltern. Er schreibt gute Noten, macht keine Schwierigkeiten und hilft natürlich im elterlichen Dönerladen mit. Seine grosse Leidenschaft ist das Schwimmen. Damit können seine Eltern zwar wenig anfangen, doch solange seine Ausbildung nicht darunter leidet, dulden sie es. Denn für die Einwandererfamilie aus Zentralanatolien ist eines klar: Ihr Sohn soll es mal besser haben als sie selbst. Diese Hoffnung wird allerdings jäh zerstört, als Beyto sich in seinen Trainer Maik (Dimitri Stapfer) verliebt.

Tradition, Familie, Verantwortung
Tradition, Familie, Verantwortung © Frenetic Films

Auch wenn Beyto die Beziehung zu Maik vor seinen Eltern geheimhält, machen schon bald die ersten Gerüchte die Runde. Der eigene Sohn - schwul! Was wird man im Dorf sagen? Schnell ist für die Eltern klar: Dem Sohn muss der Kopf zurechtgerückt werden. Um ihn wieder auf den «rechten» Weg zu bringen, wird in aller Eile eine Hochzeit mit Seher (Ecem Aydin), Beytos Freundin aus Kindertagen, arrangiert. Zurück in der Schweiz, steckt Beyto plötzlich in einer unerwarteten Dreiecksbeziehung und muss sich entscheiden: Freiheit oder Tradition, Liebe oder Familie.

Beyto thematisiert die Identitätssuche im Spannungsfeld zweier Kulturen, wird dem komplexen Thema aber über weite Strecken leider nicht gerecht. Die oftmals zu konstruiert wirkenden Dialoge erschweren den Zugang zu den Figuren. Szenen, die auf non-verbale Elemente setzen, funktionieren hingegen überaus gut, weil die Chemie zwischen den Darstellerinnen und Darstellern stimmt.

Immer dann, wenn zwei Figuren allein sind, gewinnt der Film an Tiefe. Die Dialoge treten in den Hintergrund und lassen Raum für das Ungesagte oder das Nichtsagbare: Beytos und Maiks Träume von einer gemeinsamen Zukunft ohne ewiges Versteckspiel, Sehers Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa, die Ängste von Beytos Eltern. In all diesen Szenen mag es Hoffnung geben, aber die Melancholie überwiegt am Ende.

Das Dilemma, in dem sowohl Beyto als auch seine Eltern sich befinden, wird besonders in einer Szene deutlich, in der die Mutter ihm vor der Hochzeit beim Ankleiden hilft. Die Traurigkeit der Mutter, die mit der Beteuerung, dass alles gut wird, mehr sich als ihren Sohn überzeugen will, verdeutlicht, wie ausweglos die Situation für alle Parteien ist.

Leider gibt es nur wenige solcher Szenen, die den Darstellerinnen und Darstellern den nötigen Raum geben, um die vielschichtigen Emotionen auszuloten. Denn der Film setzt vermehrt auf Dialoge, um möglichst viele verschiedene Seiten von Beyto zu zeigen und vor allem auch zu erklären. Besonders die ersten 30 Minuten des Films wirken stark konstruiert, da viele Nebenfiguren zu gekünstelt auftreten und sehr plakativ und platt zum Ausdruck bringen, wie fleissig, wie talentiert, wie perfekt Beyto doch ist - und übrigens bessere Noten schreibt als seine Schweizer Mitschüler.

Je mehr Nebenfiguren wegfallen, umso besser entwickelt sich die Geschichte dann allerdings. Der Wechsel zwischen der Schweiz und der Türkei verdeutlicht die zwei Welten, die so unvereinbar scheinen und dennoch Beytos Identität ausmachen. Gleichzeitig zeigt der Film auf, wie schwierig es ist, alte Denkmuster abzulegen, mit Traditionen zu brechen und wie gross die Angst davor ist, was «die anderen» wohl sagen werden.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

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