Berlin Alexanderplatz (2020)

Berlin Alexanderplatz (2020)

Filmkritik: Arm dran und Arm ab

70. Internationale Filmfestspiele Berlin 2020
Das neuste Mitglied der Hacker-Gruppe CLAY?
Das neuste Mitglied der Hacker-Gruppe CLAY? © eOne Germany

Francis (Welket Bungué), der aus dem afrikanischen Guinea-Bissau geflüchtet ist, hat es mit viel Mühe und nach einer schweren Entscheidung heil, aber illegal nach Deutschland geschafft. Er schwört sich, dass er seine dunkle Vergangenheit hinter sich lassen will und von nun an gut sein möchte. Doch dies ist alles andere als leicht. Weil er keinen Pass besitzt, muss er eine gefährliche Arbeit auf einer Baustelle annehmen, wo er vom Leiter schikaniert wird. Als Francis nach einem Unfall den Job verliert, gerät er an den schmierigen Reinhold (Albrecht Schuch).

"Oh Romeo..."
"Oh Romeo..." © eOne Germany

Dieser sucht regelmässig nach neuen illegalen Flüchtlingen, die für ihn in einem Berliner Park Drogen verticken. Reinold nimmt Francis unter seine Fittiche und lässt ihn zuerst als Koch für die Dealer arbeiten. Doch schon bald werden die Jobs gefährlicher und Francis kommt immer mehr auf die schiefe Bahn. Ist es für ihn überhaupt möglich, in dieser brutalen Welt ein guter Mensch zu sein?

Burhan Qurbanis Berlin Alexanderplatz ist das gelungene Update eines deutschen Klassikers, da es die Geschichte überzeugend in die heutige Zeit hievt und diese mit einer coolen Inszenierung und starken Darstellerleistungen auf wuchtige Art und Weise einem neuen Publikum schmackhaft macht. Die dreistündige Laufzeit ist dabei kaum zu spüren. Der Film ist nicht nur für den Literaturunterricht geeignet, sondern auch für Fans von Gangsterfilmen wie Brian de Palmas Scarface. Ganz grosses (deutsches) Kino.

Anstatt wie in den Umsetzungen von Phil Jutzi und Rainer Werner Fassbinder die Geschichte in den Zwanzigern zu lassen, siedelt der deutsche Regisseur Burhan Qurbani seine Adaption des gleichnamigen Alfred-Döblin-Klassikers in der heutigen Zeit an. Dabei hat er einen epischen Gangsterfilm erschaffen, der nicht nur durch die lila- und blau-leuchtenden Lichter an den Al-Pacino-Scarface erinnert - denn in beiden Geschichten geht es um einen Flüchtling, der sich mit illegalen Mitteln noch oben arbeitet und in vollem Tempo wieder herunterzuknallen droht.

Nicht nur von der Beleuchtung her ist dies eine sehr stylische Adaption - alleine die Anfangssequenz, welche auf den Kopf gestellt ist, weiss zu beeindrucken. Doch «Style over Substance» ist das keineswegs. Die Geschichte des Unglücksraben Franz/Francis, der doch eigentlich anständig sein möchte, nimmt einen auch in dieser Version gefangen. Die Verlagerung in die Gegenwart funktioniert dabei ohne grössere Probleme. Während der drei Stunden werden aber immer mal wieder schlaue Sätze 1:1 aus der Vorlage entweder via Voiceover oder von den Charakteren selbst eingesprochen. Das wirkt jedoch nicht altbacken, sondern gibt dem Film - ähnlich wie Baz Luhrmanns Romeo + Juliet - eine besondere Note.

Von den Darstellern ist das alles überzeugend gespielt. Der wie seine Figur auch aus Guinea-Bissau stammende Welket Bungué besitzt eine starke Leinwandpräsenz und der im letzten Jahr noch als so einfühlsamer Systemsprenger-Schulbegleiter brilliernde Albrecht Schuch zeigt hier eine im besten Sinne hassenswerte Performance als physischer und psychischer Krüppel Reinhold. Nur Jella Haase ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, da man ihr Gesicht und ihre Stimme halt einfach sofort mit ihrer Figur der Chantal aus den Fack Ju Göhte-Filmen in Verbindung bringt. Doch diese Gedanken verschwinden mit der fortschreitenden Laufzeit.

So zeitgemäss das Ganze in fünf Kapitel sowie einen Prolog und Epilog gepackt wurde, fällen die Figuren aber aus heutiger Sicht gegen Ende hin ein paar hohle Entscheidungen, die fast alle dem Buch geschuldet sind. Hier hätte Qurbani durchaus etwas mutiger sein und Dinge abändern oder anders umsetzen können. Doch schon rein mit der Entscheidung, dieses Mammutwerk auf unterhaltsame Art und Weise umsetzen zu wollen, ist ein grosser Beweis von Mut, der sich letzen Endes sogar ausgezahlt hat. Berlin Alexanderplatz 2020 macht die Story von Franz/Francis zugänglicher, packt sie in aufregende Bilder und langweilt während der drei Stunden höchst selten. Eine gute Sache!

/ crs