Balle perdue (2020)

Balle perdue (2020)

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  2. 92 Minuten

Filmkritik: The good, the bad or the cop?

Netflix
Polizei! Aussteigen! Hände auf die Motorhaube!
Polizei! Aussteigen! Hände auf die Motorhaube! © Netflix

Lino (Alban Lenoir) ist leidenschaftlicher Auto-Schrauber: Er verstärkt seinen Renault so, dass er damit die Wand eines Juweliergeschäfts durchbrechen kann. Doch die geplante Tat geht schief, statt einer durchbricht er vier Betonwände hintereinander und landet auf der anderen Seite des Geschäftes. Dort wird er von der Polizei festgenommen und eingebuchtet. Der Polizist Charas (Ramzy Bedia) holt ihn wieder raus mit dem Auftrag, die Polizeiautos der Einsatzgruppe, welche Charas leitet, umzubauen und Go-Fast-fähig zu machen, so dass sie auch Frontalkollissionen überstehen. Dem Team gehören neben Charas noch Areski (Nicolas Duvauchelle), Marco (Sébastien Lalanne) und Julia (Stefi Celma) an, welche in offenbar guter Zusammenarbeit Drogenkartelle am Verteilen ihres Stoffes hindern.

Suboptimaler Zustand für ein Auto
Suboptimaler Zustand für ein Auto © Netflix

Doch dann wird Charas erschossen, im Beisein von Lino, welcher nun der einzige verbleibende Zeuge der Tat ist. Fortan muss Lino sein Leben verteidigen und versuchen, die Staatsanwaltschaft, die Polizei und Julia davon zu überzeugen, dass nicht er der Täter ist. Wer hat Charas erschossen? War es doch Lino?

Das Mitmischen in der Champions League der Police- und Crime-Movies gelingt Balle perdue nicht ganz. Auch wenn der Film von Guillaume Perret mit einigen Referenzen auf Genre-Grössen aufwartet, die Action gut ist und die Kampfszenen ansehnlich in Szene gesetzt wurden, fehlt ihm das letzte Quäntchen Hollywood-Glamour. Vieles hat man bereits besser gesehen, dem Netflix-Streifen fehlt die Innovation und der Mut, eigene Wege zu gehen. Unterhaltsam bleibt er aber dennoch.

Der Polizei-Actionfilm Balle perdue markiert das Regiedebut von Guillaume Pierret. Beinahe provokativ geht der Film mit dem brandaktuellen Thema Polizeigewalt um und zeigt einen korrupten und gnadenlosen Polizeicorpus. Sinnlose Härte, Manipulation von Zeugen oder Mord an eigenen Berufskollegen, um die eigene Position zu stärken oder eine höhere Stellung zu erhalten, scheinen hier gängige Methoden eines Polizisten zu sein. Das Urteil, ob dies nur durch den Film suggeriert wird, oder effektiv der Fall ist, bleibt den Zuschauern selbst überlassen.

Deutlich zu sehen und spüren sind die Verweise auf Genre-Filme wie Fast and Furious, Transporter oder gar Sicario: Bekämpfung von (Drogen-)Kriminalität, getunte Karren und harte Action stehen im Zentrum des Geschehens. Aber auch Ansätze von Death Race sind spürbar, baut Lino seine Wagen doch so um, dass sogar ein Renault locker vier Betonwände hintereinander durchbrechen kann. Auch der Fakt, dass ein Gefängnisinsasse für die Regierung (hier für die Polizei) arbeitet, verbindet die beiden Filme: Lino kommt nur aus dem Knast, weil er die Polizeiautos aufmotzt und Go-Fast-fähig macht.

Neben halsbrecherischen Stuntfahrten, welche durchaus gelungen sind und einem Schweissperlen auf die Stirn treiben, überzeugen auch die Action- und Kampfszenen. Besonders erwähnenswert dabei ist eine Szene auf dem Polizeiposten, als Lino es mit mehreren Polizisten zu tun bekommt und diese beinahe in The Raid-Manier aus dem Rennen nimmt.

Leider bietet die Story wenig Neues. Die Charaktere und Handlungsmaximen sind etwas gar stereotyp verteilt (guter Cop, böser Cop). So gibt es einen kurzen Twist, welcher doch etwas überrascht, ansonsten verläuft die Story in etwa so, wie man sie sich vorstellt. Dass dabei immer neue Hindernisse auftauchen und die Menschen das Zeitliche segnen, welche Lino als Zeugen dienen könnten und ihn somit zum Einzelkämpfer gegen ein ganzes System machen, ist dann etwas gar pathetisch und heroisch angehaucht.

Alles in allem bleibt Balle perdue hinter seinen Vorbildern zurück und kann nicht mit grossen Police- oder Crime-Blockbustern mithalten, weder vom Storytelling her noch von den schauspielerischen Leistungen, auch wenn diese hier ganz passabel ausfallen. Da sind einige Längen drin, welche nicht kaschiert werden, und einige Szenen, welche doch sehr konstruiert wirken. Wer einen unterhaltsamen Actionfilm möchte, wird hier allerdings gut bedient.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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