Av: The Hunt (2020)

Filmkritik: Auf der Flucht

NIFFF 2020
Wohin des Weges, junge Frau?
Wohin des Weges, junge Frau? © NIFFF

Ayse (Billur Melis Koç) lebt im Grossraum Antalya und hat Schande über ihre Familie gebracht. Sie vergnügt sich lieber mit ihrem Lover, als zu Hause die brave Ehefrau von Polizist Sedat (Ahmet Rifat Sungar) zu spielen. Als Sedat bei Ayse und ihrem Freund auftaucht, kann Ayse flüchten, ihr Freund wird jedoch getötet.

Auf ihrer Flucht sucht Ayse Hilfe. Doch niemand will das Risiko eingehen und sie aufnehmen. Alle befürchten die Rache ihrer Familie. Auch ihre Schwester, die in Istanbul weilt, verbietet ihr den Besuch bei ihr. Ayse entschliesst sich, dennoch nach Istanbul zu fahren. Um das notwendige Geld dafür zu besorgen, bricht sie ins Haus ihres Vaters ein. Dabei wird sie von ihrem Bruder Ahmet (Adam Bay) entdeckt, der überraschend aus Deutschland zu Besuch ist. Es gelingt ihr, sich Ahmet zu entziehen und sie kann im Auto ihres Vaters fliehen. Doch als sie in eine Polizeikontrolle gerät, gerät ihr Fluchtplan ins Wanken.

In diesem rasanten Actionthriller geht es von Anfang an zur Sache, so dass er nie langweilig ist. Sicher, die Geschichte ist nicht neu, aber hervorragend inszeniert und mit einer sehr überzeugenden Hauptdarstellerin (Billur Melis Koç). Dazu kommen die grossartigen Landschaftsaufnahmen - alles zusammen macht Av: The Hunt sehr sehenswert.

Regisseur Emre Akay inszenierte mit Av: The Hunt seinen insgesamt dritten Langspielfilm und war dabei auch für Drehbuch und Produktion mitverantwortlich. Ahmet Rifat Sungar, der den gehörten Ehemann Sedat gibt, hat zwar schon in Dutzenden von Produktionen mitgespielt, ist hierzulande aber kaum bekannt. Anders könnte es sich bei Adam Bay verhalten, der Ayses Bruder Ahmet spielt. Er hat bereits in einigen wenigen deutschen Produktionen mitgespielt. Für Hauptdarstellerin Billur Melis Koç ist es wiederum gar der allererste Film, was angesichts ihrer schauspielerischen Leistung sehr bemerkenswert ist.

Av: The Hunt hält, was der Titel verspricht. Es ist eine praktisch ununterbrochene Flucht vor der eigenen Familie und vor allem vor dem skrupellosen Ehemann, dem man seinen Hass in jeder Faser seines Körpers anzusehen scheint. Der Film hat ein paar wenige brutale Szenen, aber diese wirken dafür ziemlich echt. Der Film wirkt teilweise etwas gar dialogarm, aber störend ist dies keineswegs. Die Jagd durch die Wälder und die Canyons sind sehr gut inszeniert und lässt den Zuschauern kaum Zeit zum Atmen.

Aber spätestens gegen Ende realisiert man die deutliche Kritik an dem Umgang mit den Frauen in der Türkei, deren (Un-)Rechte im Film zeitweise an die Rassentrennung in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts erinnern. Mit nicht ganz 90 Minuten ist Av: The Hunt auch erfrischend kurz. Der ganze Film bietet eine enorme Glaubwürdigkeit, sowohl was Story als auch was die Gewaltsszenen anbelangt. Und das bleibt bis zum Ende so.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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